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Elf Fußballweisheiten – auch bei der Geldanlage anwendbar

Prof. Dr. Stefan May
,
Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung
8
Minuten

Gestern startete die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 – Gastgeber sind erstmals drei Länder gemeinsam: Kanada, Mexiko und die Vereinigten Staaten. Für die aktuelle Ausgabe unseres Logbuchs haben wir uns deshalb für ein Thema entschieden, das nicht so recht in das übliche Schema von Themen passt, mit denen wir uns typischerweise im Logbuch beschäftigen – nämlich Fußballweisheiten.

Da eine Fußballmannschaft bekanntlich 11 Spieler umfasst, haben wir uns nachfolgend für elf mehr oder weniger bekannte Fußballsprüche entschieden, von denen wir glauben, dass sie sich auch auf eine erfolgreiche Geldanlagestrategie übertragen lassen. Einige der aufgeführten Bonmots gehen übrigens auf den legendären deutschen Trainer Sepp Herberger (1897–1977) zurück. Unter seiner Leitung gewann Deutschland die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz. Der sensationelle 3:2-Endspielsieg gegen die damals als eigentlich unbesiegbar geltende Elf aus Ungarn ging als das „Wunder von Bern“ in die Fußballgeschichte ein.

Sepp Herberger hätte vermutlich auch einen hervorragenden Anlageberater abgegeben. Seine Prinzipien – Geduld, Disziplin, Mannschaftsspiel, Ergebnisorientierung – sind exakt die Tugenden, die auch an den Kapitalmärkten am Ende den Unterschied ausmachen.

1. „Das Runde muss ins Eckige.“

Der Spruch bringt die grundlegende Aufgabe des Spiels kurz und knackig auf den Punkt: Tore schießen. Allerdings sollte man hierbei nicht zu sehr ins Risiko gehen und die Deckung vernachlässigen. Denn sonst landen am Ende mehr „Runde“ im eigenen „Eckigen“ als im gegnerischen.

So, wie es beim Fußball letztlich um Tore geht, zählt bei der Geldanlage letztlich die erwirtschaftete Rendite. Aber wie beim Fußball bitte nicht um den Preis einer vernachlässigten Verteidigung und damit eines zu großen Risikos.

2. „Das Spiel dauert 90 Minuten.“

Wirklich vorbei ist ein Fußballspiel erst nach 90 Minuten. Diese Fußballweisheit steht für Anlagedisziplin und Durchhaltevermögen. Wer nach einem Rückstand zur Halbzeit das Spiel schon verloren gibt, verpasst die Aufholjagd. Durchhalten wird belohnt … auch bei der Geldanlage.

3. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“

Diese Fußballweisheit besagt, dass nach einem gerade erst beendeten Spiel bereits die Vorbereitung auf das nächste beginnt. Sie verdeutlicht, dass es im Fußball wie bei der Geldanlage darum geht, nach vorne zu schauen. Weder sollte man sich zu lange an einem Sieg berauschen noch zu lange über eine Niederlage ärgern.

Für die Geldanlage ist damit das sogenannte „Rebalancing“ angesprochen. Es bedeutet, dass ein Wertpapierdepot immer wieder auf die ursprünglich gewählte Aufteilung, beispielsweise 50 % Aktien und 50 % Anleihen, zurückgeführt wird. Zwar freut man sich kurz über „siegreiche“ Aktien, die die Aktienquote zwischenzeitlich z. B. auf 60 % gehievt haben, führt diese aber im Einklang mit der individuellen Risikoneigung konsequenterweise wieder auf 50 % zurück. Dieses Vorgehen hilft dabei, die langfristige Wertentwicklung zu stabilisieren.

4. „Der Star ist die Mannschaft.“

Nicht einzelne herausragende Spieler stehen im Mittelpunkt, sondern das gesamte Team. Erfolg entsteht durch Zusammenarbeit, jeder stellt sich in den Dienst der Mannschaft und bringt seine Stärken ein.

Das ist Aktien-Diversifikation in Reinkultur, möchte man fast anmerken. Nicht eine einzelne Star-Aktie macht ein Wertpapierdepot letztlich erfolgreich, entscheidend ist die Mannschaftsleistung, d. h. das Zusammenspiel aller Aktien.

5. „Die Tabelle lügt nicht.“

Letztlich spiegelt nur der Tabellenstand die Leistung einer Mannschaft korrekt wider und nicht die Einschätzungen der (häufig selbsternannten) Experten. Auch im Anlagemanagement zählen letztlich nur die Fakten der wissenschaftlichen Kapitalmarktforschung. Diese empirischen Daten sind verlässlicher als alle Meinungen, Stimmungen, Besserwissereien und reißerischen Schlagzeilen zusammen.

6. „Das Spiel wird auf dem Platz entschieden.“

Nicht die im Vorfeld geäußerten Erwartungen und Vermutungen entscheiden das Spiel, sondern nur das, was tatsächlich auf dem Spielfeld passiert.

Übertragen auf die Geldanlage: Nicht Voraussagen – mögen sie auch noch so fundiert und überzeugend klingen – schaffen am Ende Rendite, sondern nur eine prognosefreie und breit gestreute Beteiligung an internationalen Unternehmen, die vom langfristigen Aufschwung der globalen Wirtschaft profitieren.

7. „Man gewinnt keine Weltmeisterschaft mit elf Stürmern.“

Eine erfolgreiche Fußballmannschaft, die das Zeug zum Weltmeister hat, benötigt eine perfekte Balance zwischen Defensive, Mittelfeld und Offensive.

Bezogen auf die Geldanlage heißt das: Klumpenrisiken meiden und stattdessen unterschiedliche Regionen, Branchen und Anlagesegmente geschickt miteinander kombinieren.

8. „Der Pokal hat seine eigenen Gesetze.“

In Pokalwettbewerben gelten nicht selten andere Dynamiken als im normalen Ligabetrieb – vermeintliche haushohe Favoriten verlieren dort schon mal gegen Underdogs, die im Pokalspiel über sich hinauswachsen. Faustdicke Überraschungen kommen somit immer mal wieder vor und machen den Reiz solcher Spiele aus.

Im Anlagemanagement sind es die sogenannten aktiven Fondsmanager, die um den Pokal der besten Performance kämpfen und dabei manch böse Überraschung produzieren. Den Unwägbarkeiten einer solchen Pokal-Dynamik entgeht man am besten durch prognosefreies Anlegen bei einer möglichst breiten Streuung aller Investments. Letztere verhindert, dass der nicht vorhersehbare Absturz einer einzelnen Aktie oder Branche zu stark auf den Wert des Gesamtdepots durchschlägt.

9. „Mailand oder Madrid – Hauptsache: Italien.“

Dieser inzwischen fast schon legendär gewordene Spruch wird dem ehemaligen deutschen Nationalspieler Andreas „Andy“ Möller zugeschrieben. Er soll den Satz im Jahr 1992 vor seinem Wechsel von Eintracht Frankfurt ins Ausland gesagt haben, als er über seine fußballerische Zukunft nachgrübelte. (Am Ende wechselte er übrigens weder nach Mailand noch nach Madrid, sondern nach Turin – Hauptsache: Italien halt.)

Die Aussage symbolisiert Planlosigkeit, welche ja selten zu guten Ergebnissen führt; weder beim Fußball noch bei der Geldanlage. Wer zum Beispiel irgendwelche angeblichen „Kursraketen“ zusammenkauft, erlebt spätestens bei den nächsten Marktturbulenzen sein blaues Wunder und am Ende mit großer Wahrscheinlichkeit jede Menge Frust („nie wieder Aktien“): Wer nicht weiß, wohin er will, landet irgendwo – aber selten da, wo er eigentlich hinwollte.

10. „Ein guter Schiedsrichter fällt nicht auf.“

Wie wahr: Ein guter Schiedsrichter leitet das Spiel unauffällig und korrekt, denn nicht er, sondern das Spiel und die Spieler sollen im Mittelpunkt stehen. Er trifft klare Entscheidungen, bleibt dabei konsequent und lässt sich nicht von Spielern, Trainern oder Fans beeinflussen.

Einen guten „Schiedsrichter“ in Sachen Geldanlage erkennt man daran, dass er nicht marktschreierisch risikolose Traumrenditen verspricht, sondern dass er unabhängig, ruhig, verlässlich und konsequent im Sinne der Anlegerinnen und Anleger handelt. Insbesondere werden dabei bestehende Risiken und Kosten nicht unter den Teppich gekehrt oder geschickt in Hochglanzbroschüren versteckt.

11. „Wir schauen nur von Spiel zu Spiel.“

Als letzte Fußballweisheit haben wir uns eine ausgesucht, die man bei der Geldanlage ausnahmsweise nicht beherzigen sollte. Wer nur von Quartal zu Quartal denkt, verliert den langfristigen Vermögensaufbau aus den Augen. Das ist fahrlässig, denn erfolgreiches Anlegen erfordert einen Plan, Ausdauer und Geduld; und eben nicht den Fokus auf kurzzeitige Erfolge oder Misserfolge, die mit dem langfristigen Aufwärtstrend an den Börsen nur wenig bis gar nichts zu tun haben.

Interessanterweise ähneln erfolgreiche Anlagestrategien oft dem Spielstil von erfolgreichen Mannschaften: klare Strategie, Geduld, vernünftige Risikokontrolle, Anpassungsfähigkeit und kein Aktionismus nach einem Rückschlag.

Apropos erfolgreiche Mannschaften: Als Top-Favoriten auf den Gewinn des Weltmeistertitels gelten bei den Buchmachern Frankreich und Spanien – Deutschland zählt zum „erweiterten“ Favoritenkreis. „Schau’n mer mal“, ob die Fußballexperten mit ihren Vorhersagen des künftigen Weltmeisters besser liegen als die erfolglosen Börsenauguren mit ihren Schätzungen der Aktienmarktentwicklung.

Fazit

  • Wo Fußball gespielt wird, dürfen Fußballweisheiten und -sprüche nicht fehlen, so auch bei der soeben gestarteten Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada.
  • Erstaunlicherweise liefern manche Fußballsprüche durchaus wertvolle Hinweise, wie man bei einer klugen Geldanlage vorgehen und was man vermeiden sollte.
  • Was erfolgreiche Fußballteams und ebensolche Anlegerinnen bzw. Anleger eint: klare Strategie, Geduld, Risikokontrolle und kein Aktionismus nach einem Rückschlag.

„Ich habe fertig!“

Mit diesem legendären Satz des ehemaligen Trainers des FC Bayern München, Giovanni Trapattoni, mit dem er am 10. März 1998 eine denkwürdige Wutrede bei einer Pressekonferenz beendete, möchten wir unser heutiges Logbuch beenden – aber in aller Ruhe und Gelassenheit.

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Der Beitrag ist mit größter Sorgfalt bearbeitet worden. Er enthält jedoch lediglich unverbindliche Analysen und Erläuterungen. Die Angaben beruhen auf Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wir aber keine Gewähr übernehmen können. Die Informationen wurden einzig zu Informations- und Marketingzwecken zur Verwendung durch den Empfänger erstellt und können keine individuelle anlage- und anlegergerechte Beratung ersetzen. Die Informationen stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung, keine Anlageempfehlung und keine Aufforderung zum Erwerb oder zur Veräußerung dar. Die Vervielfältigung und Weiterverbreitung ist nicht erlaubt. Kein Teil darf (auch nicht auszugsweise) ohne unsere ausdrückliche vorherige schriftliche Genehmigung nachgedruckt oder in ein Informationssystem übertragen oder auf irgendeine Weise gespeichert werden, und zwar weder elektronisch, mechanisch, per Fotokopie noch auf andere Weise.

Über den Autor
Prof. Dr. Stefan May

Prof. Dr. Stefan May ist als Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung seit 2014 bei der Quirin Privatbank tätig und hat jahrzehntelange Erfahrung in der Kapitalmarktpraxis. Er ist zudem seit rund 30 Jahren Professor für Finanzmarktanalyse und Portfoliomanagement an der Technischen Hochschule Ingolstadt (mittlerweile emeritiert). Prof. May hatte maßgeblichen Anteil an der Einführung unseres auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Kapitalmarktforschung basierenden Anlagekonzepts. Als Vorsitzender des Anlageausschusses der Bank ist er – gemeinsam mit dem Team der Vermögensverwaltung – nach wie vor für die fortlaufende Gestaltung und Optimierung der Anlagestrategien verantwortlich.

Hören Sie passend zum Thema unseren Podcast „klug anlegen“

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