Zur besseren Orientierung möchten wir Ihnen vorab einen kurzen Überblick verschaffen, welche Renditen ausgewählte Anleihesegmente aktuell abwerfen.
Renditeübersicht
Die nachfolgend dargestellte sogenannte „Zinsstrukturkurve“ illustriert, wie hoch die Renditen für Bundesanleihen mit unterschiedlichen Restlaufzeiten momentan sind und wie hoch sie vor einem Jahr waren.

Eine „normale“ Zinsstrukturkurve liegt vor, wenn die Zinsen für längerfristige Geldanlagen höher sind als für kurzfristige. Die Logik dahinter: Wenn Anlegerinnen und Anleger ihr Kapital für längere Zeit binden und damit größeren Risiken (wie Inflation) ausgesetzt sind, verlangen sie dafür eine Entschädigung in Form einer höheren Verzinsung.
Des Weiteren zeigt die Grafik, wie sich die Renditen für die unterschiedlichen Restlaufzeiten in den letzten 12 Monaten nach oben verschoben haben – besonders ausgeprägt im kürzeren Laufzeitensegment.
In der Einzelbetrachtung nachfolgend der Renditeverlauf der in Europa vielbeachteten 10-jährigen Bundesanleihe.

Weiten wir den Blick auf Europa und die Schwellenländer, dann stellen sich ausgewählte (ebenfalls auf Endfälligkeit gerechnete) durchschnittliche Renditen derzeit wie folgt dar:

Notenbanken – Taktgeber für die Anleihemärkte
EZB lässt weiteren Zinspfad bewusst offen: Nach der jüngsten Zinserhöhung hat die Europäische Zentralbank angesichts der fragilen Lage in Nahost ihren weiteren geldpolitischen Kurs offengelassen. Sie erhöhte wegen der stark gestiegenen Inflation infolge des Iran-Kriegs auf ihrer Juni-Sitzung erstmals seit fast drei Jahren den Leitzins (von 2 auf 2,25 %). Auf der nach der Leitzinserhöhung anberaumten Pressekonferenz blieb EZB-Präsidentin Lagarde einen Ausblick schuldig, wie es mit dem Leitzins weitergehen könnte. Der Verzicht auf eine konkrete Festlegung soll dazu beitragen, flexibel auf unterschiedliche Szenarien in Bezug auf die Entwicklung des vom Nahost-Konflikt ausgehenden Energiepreisschocks reagieren zu können.
Auf der nächsten EZB-Sitzung am 10. September werden die aktualisierten gesamtwirtschaftlichen Prognosen des EZB-Stabs vorgelegt. Nach aktuellem Stand ist wohl davon auszugehen, dass die Notenbank bei dieser Sitzung den sogenannten Einlagesatz um 0,25 Prozentpunkte erhöhen wird – in Stein gemeißelt ist das allerdings nicht.
Ausschlaggebend dürfte vor allem die weitere Entwicklung der Inflation sein. Sie hat im Euro-Raum im Juni an Dynamik verloren: Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im Zuge des zwischenzeitlichen spürbaren Ölpreisrückgangs „nur“ um durchschnittlich 2,8 % gegenüber Juni 2025 – nach 3,2 % im Mai. Für eine Entwarnung ist es allerdings zu früh. Die weitere Richtung in Sachen Inflation dürfte maßgeblich vom zuletzt sehr volatilen Ölpreis diktiert werden, der die Teuerungsrate maßgeblich beeinflusst.


Fed-Chef will Inflationsgespenst vertreiben: Die Fed dulde keine dauerhaft erhöhte Preissteigerungsrate, betonte auf der anderen Seite des Atlantiks der neue US-Notenbankchef Kevin Warsh bei einer kürzlichen Anhörung im Kongress. Die durch deutlich gestiegene Energiepreise angefachte Inflation hat sich im Juni zwar merklich abgeschwächt – auf 3,5 nach zuvor 4,2 %. Der im Vormonatsvergleich deutlich geringere Wert wurde jedoch nicht bejubelt, sondern nur als Momentaufnahme zur Kenntnis genommen – ist er doch vor allem auf einen kurzzeitigen Preisknick beim Öl zurückzuführen. Das von der US-Notenbank angestrebte mittelfristige Inflationsziel in Höhe von 2 % (analog zur EZB) bleibt daher bis auf Weiteres außer Reichweite.
Zudem könnte auch in den USA der immer wieder heftig schwankende Ölpreis, der sich im Takt der aktuellen Nachrichtenlage rund um die Straße von Hormus bewegt, schnell wieder für stärker steigende Teuerungsraten sorgen. Wie häufig schon über Eskalation und Deeskalation im Nahen Osten geschrieben und berichtet wurde, lässt sich kaum noch zählen. Summa summarum spricht einiges dafür, dass die US-Zentralbank auf ihrer September-Sitzung den Leitzins leicht anheben dürfte (aktuelle Leitzinsspanne: 3,50-3,75 %).

Öffentliche Schuldenberge wachsen ungebremst
Was neben der weiteren Leitzinsentwicklung viele Rentenmarktakteure derzeit umtreibt: Angesichts rasant wachsender öffentlicher Schuldenberge wird der Status von Bundesanleihen und US-Staatsanleihen als traditionell sicherer Hafen zunehmend in Frage gestellt.
In den vergangenen Jahren mussten Regierungen viel Geld ausgeben, etwa wegen der Pandemie-Folgen, der Energiekrise und für Verteidigung und Soziales. Gleichzeitig sind die Zinsen aktuell teils spürbar höher als in der Dekade 2012 bis 2021. Das macht neue Schulden teurer und belastet die Staatshaushalte. Hohe öffentliche Schulden schränken somit den Handlungsspielraum von Regierungen merklich ein. Sollte eine neue Krise nahen, werden die Staaten folglich nicht mehr so leicht mit großen Hilfspaketen gegensteuern können.
Im Worst Case könnten aufkommende Zweifel an der Finanzkraft eines wirtschaftlich bedeutenden Staates die Anleihemärkte in Turbulenzen stürzen. Das würde dann wiederum Banken, Fonds und andere Investoren bzw. Investorinnen treffen, die in größerem Umfang Staatsanleihen in ihren Portfolios halten.
Was speziell die Situation hierzulande betrifft, sollten die kürzlich beschlossenen bzw. geplanten Reformen dazu beitragen, dass Bundesanleihen bei den Investorinnen und Investoren nicht so schnell in Ungnade fallen; zumal Deutschland hinsichtlich seiner Staatsschulden im internationalen Vergleich noch relativ gut dasteht.
Auf globaler Ebene allerdings hat die Verschuldung der Staaten geradezu schwindelerregende Höhen erreicht, wie nachfolgende Grafik zeigt.

Sowohl der Anstieg als auch die Zahl von mittlerweile über 100 Bio. US-Dollar sollten aber relativiert werden. Setzt man nämlich zur besseren Einordnung und Vergleichbarkeit die absolute Höhe der weltweiten Staatsverschuldung ins Verhältnis zum globalen BIP (Bruttoinlandsprodukt), welches in den letzten Jahren nicht unerheblich zulegen konnte, dann zeigt sich, dass die globale Verschuldungsquote (Staatsschulden im Verhältnis zum BIP) in den Jahren 2021-2025 relativ konstant zwischen 90 und 95 % lag.

Zudem werden Schulden im Zeitlauf durch Inflation entwertet – je höher Letztere ausfällt, desto stärker wirkt der Entwertungseffekt. Die beiden geschilderten Aspekte relativieren den Sachverhalt der hohen Staatsverschuldung zwar etwas, nehmen ihm aber nicht seine Brisanz. Zudem ist eine Entwertung von Staatsschulden durch Inflation für eine Gesellschaft alles andere als wünschenswert, da sämtliche Vermögenswerte, aber auch Ersparnisse und Löhne an realer Kaufkraft verlieren.
US-Tech-Riesen sorgen für Anleiheschwemme
Künstliche Intelligenz (KI) gilt derzeit als einer der wichtigsten Wachstumstreiber der Welt. Große Technologiekonzerne (speziell aus den USA) investieren riesige Summen in Rechenzentren, Chips, Stromversorgung und neue Software. Die exorbitant hohen Investitionen werden mittlerweile zunehmend über Schulden finanziert – vorzugsweise durch die Ausgabe von Anleihen. Bei Anlegerinnen und Anlegern kommen die Mega-Anleiheemissionen bislang gut an. Die Nachfrage ist hoch, weil es sich bei den Schuldnern um bekannte Tech-Größen handelt und weil die Anleihen einen spürbaren Renditeaufschlag gegenüber US-Staatsanleihen bieten können.
Solange die KI-Unternehmen die hochgesteckten Gewinnerwartungen erfüllen, kann das Ganze funktionieren. Wenn aber die Gewinne später mal niedriger ausfallen sollten als erhofft, können hohe Schulden schnell zur Belastung werden. Dann dürfte es mit der Beliebtheit dieser Anleihen bald vorbei sein.
Grundsätzlich führt die rege Emissionstätigkeit der Tech-Konzerne zu einer spürbaren Aufblähung des Gesamtangebots an neuen Anleihen. Denn die KI-Unternehmen buhlen mit vielen ebenfalls kapitalhungrigen, anleiheemittierenden Staaten um die Gunst der Investorinnen und Investoren. Und da ein steigendes Angebot bekanntlich auf die Preise bzw. Kurse drückt, sorgt das bei Anleihen im Umkehrschluss grundsätzlich für steigende Renditen. Bislang hält sich der Anstieg allerdings in Grenzen.

Was folgt nun aus alldem?
Zusammenfassend muss man wohl eher von verhaltenen Aussichten für den Rentenmarkt ausgehen. Die Lage ist sowohl für die Notenbanken als auch für Investorinnen und Investoren knifflig – ausschlaggebend wird letztlich die weitere Entwicklung im Iran-Konflikt sein. Diese wiederum hängt stark vom erratischen Gebaren des US-Präsidenten ab. Die Anleihemärkte (und nicht nur die) werden sich wohl an den schnellen Wechsel zwischen Eskalation und Deeskalation im Nahost-Konflikt gewöhnen müssen.
Die größte Gefahr für höhere Anleiherenditen auf beiden Seiten des Atlantiks dürfte vermutlich von einem erneuten und womöglich anhaltenden Anstieg der Rohölpreise auf über 100 US-Dollar pro Fass ausgehen (Stand 22.07.: 94 USD). In den letzten Monaten wurde zudem deutlich, wie stark die Rentenmärkte mittlerweile von der Geopolitik bestimmt werden. Investorinnen und Investoren dürften diesen Umstand bei ihren Anlageentscheidungen stärker als bislang berücksichtigen, was angesichts der aktuell höchst undurchsichtigen Gemengelage eher gegen niedrigere Renditeniveaus spricht. Ausschließen sollte man fallende Renditen allerdings nicht, vor allem dann nicht, wenn es wieder einen freien Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus geben sollte und in der Folge die Ölpreise ins Rutschen geraten.
Das beste Mittel, um die Herausforderungen in diesem schwer einschätzbaren und sich schnell ändernden Umfeld erfolgreich zu meistern, ist eine möglichst breite Aufstellung der Anleiheinvestments (in Bezug auf die Anzahl der Anleihen und unterschiedlicher Segmente). Ein weiterer Vorteil ist eine relativ kurze durchschnittliche Restlaufzeit der Anleihen in den unterschiedlichen Anleihesegmenten. Ist ein Anleiheportfolio auf diese Weise strukturiert, eignet es sich hervorragend als eine Art Stabilitätsanker, da es weniger empfindlich auf Änderungen des allgemeinen Zinsniveaus reagieren und deutlich geringeren Schwankungen als z. B. an den Aktienmärkten unterliegen wird.
Trotz aller Unwägbarkeiten, die uns immer begleiten werden: Anleihen sind mittlerweile nicht mehr nur ein Risikoregulativ in einem gemischten Aktien-Anleihen-Depot – wie dies in den zinslosen Jahren vor 2022 der Fall war –, sondern sie bieten als eigenständige Anlageklasse auch ein attraktives Renditepotenzial – allerdings verbunden mit ganz anleihespezifischen Risiken.







.webp)