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Wie steht es um die Wirtschaft in der Euro-Zone? – Eine aktuelle Bestandsaufnahme

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Rund 25 Jahre nach der offiziellen Euro-Einführung Anfang 1999 (das Bargeld folgte im Jahr 2002) fällt die Bilanz an vielen Stellen durchaus positiv aus. Insbesondere hat sich die Befürchtung, dass sich der Euro zum „Teuro“ entwickeln würde, nicht bewahrheitet. Von 1999 bis 2023 lag die Inflation in Deutschland im Jahresdurchschnitt bei 1,8 %. In den Jahren 1960 bis 1998, also vor Einführung des Euro, betrug sie im jährlichen Mittel dagegen sogar 3,25 %.

Zudem hat sich die europäische Währung an den internationalen Finanzmärkten eindeutig etabliert. Es gab zwar zwischenzeitlich immer wieder heftige Auf und Abs, insgesamt aber hat der Euro seinen Außenwert gut behauptet und sich hinter dem US-Dollar Rang zwei unter den Welt-Leitwährungen gesichert.

robuste Euro Entwicklung

Dazu kommen unbestritten auch die Erleichterungen im Alltag von Unternehmen und im Privatleben, wie ein deutlich vereinfachter Handel und unkomplizierteres Reisen. Mittlerweile wünschen sich gemäß dem jüngsten Eurobarometer[1] (Herbst 2023) nur noch 15 % aller Befragten ihre alten nationalen Währungen zurück (Wert für Deutschland separat = 13 %).

Beim Wachstum hakt es

Es gibt aber auch einige Schattenseiten, von denen wir an dieser Stelle eine spezielle etwas genauer historisch ausleuchten möchten, ergänzt um eine aktuelle Bestandsaufnahme. Es geht um die hartnäckige Wachstumsschwäche. Mit der Einführung der Währungsunion war die Hoffnung verbunden, dass Europa und insbesondere die Euro-Zone zu einer Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft werden könnte. Diese Hoffnung hat sich allerdings bis heute nicht erfüllt. In Sachen Wirtschaftswachstum schaut die Euro-Zone den Amerikanern weiterhin hinterher – von den Schwellenländern, insbesondere den asiatischen, ganz zu schweigen. Dies verdeutlicht die folgende Grafik mit den durchschnittlichen (um Inflationseffekte bereinigten) Wachstumsraten seit der Euro-Einführung.  

Daran ändern auch einzelne beeindruckende Ausreißer nichts. Im Jahr 2022 zum Beispiel wuchs die Euro-Zone mit 3,4 % deutlich stärker als die USA mit rund 2 %. Der Abstand zu Asiens Schwellenländern (4,5 % Wachstum) konnte seinerzeit deutlich verkürzt werden, speziell China geriet in dem Jahr mit 3 % Wachstum gegenüber der Euro-Zone sogar ins Hintertreffen.   

Euro Zone schaut beim Wachstum hinterher

Die Gründe für den anhaltenden Wachstumsrückstand sind vielschichtig. Ein entscheidender Aspekt dürfte die schwächere Arbeitsproduktivität in der Euro-Zone sein, was nach unserer Überzeugung vor allem mit der grassierenden Bürokratie zusammenhängt. Manche Ökonominnen und Ökonomen machen auch das Fehlen eines einheitlichen Finanzmarktes dafür mitverantwortlich.

Die Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigen, dass sich der Wachstumsrückstand im abgelaufenen Jahr 2023 gegenüber den USA sogar deutlich ausgeweitet hat.   

schwaches Wirtschaftsjahr

Deutschland zieht auch die Euro-Zone nach unten

Die aktuelle Wirtschaftsschwäche in der Euro-Zone liegt zunehmend auch am nach absoluter Wirtschaftskraft gemessen größten Euro-Zonen-Mitglied Deutschland, das einen entsprechend großen Anteil am Gesamtwachstum besitzt. Im letzten Jahr ist Deutschland mit einer um 0,2 % rückläufigen Wirtschaftsleistung in der Rangliste deutlich nach unten gerutscht. 

deutsche Wirtschaftsleistung
Deutschlands wachstumstechnischer Rueckfall

Die Gründe für den Abstieg sind hinlänglich bekannt. Zu den wichtigsten zählen:













Bezeichnenderweise schlägt sich der wirtschaftliche Abstieg nicht am deutschen Kapitalmarkt nieder, wo sich der DAX auf Rekordniveau befindet. Das liegt daran, dass sich deutsche Großkonzerne vor allem auf der internationalen Bühne bewegen. Der Standort Deutschland spielt für die im DAX enthaltenen Unternehmen schon lange keine große Rolle mehr. Nur noch rund 20 % der von den DAX-Unternehmen hergestellten Produkte werden noch in Deutschland verkauft, der Rest geht ins Ausland. Vor allem für die großen Unternehmen ist die Entwicklung der Weltwirtschaft also viel wichtiger als die in Deutschland – und in vielen anderen Ländern war die wirtschaftliche Situation in den letzten Jahren eben deutlich besser als bei uns. Großkonzerne sind also von den Standortnachteilen, die sie in Deutschland haben, meist nicht so stark betroffen. Damit müssen sich vor allem der deutsche Mittelstand und damit viele nicht börsennotierte Kleinunternehmen auseinandersetzen – und gerade diese sind die tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft.

Vor allem Südeuropa derzeit mit ordentlichem Schub

Doch zurück zu den letzten beiden Grafiken: Die Ursachen für die Top-Platzierungen von Ländern wie Malta, Kroatien oder Spanien bei den Wachstumsraten sind meist so heterogen, wie es auch die Länder allein schon aufgrund ihrer unterschiedlichen Größe sind. Der Tourismus hat dabei in all diesen Ländern eine relativ große Rolle gespielt, vor allem in Malta. Starker privater Konsum, getrieben von stärker steigenden Löhnen, gehörte zu den Treibern in Kroatien, das auch von der effizienten Nutzung der EU-Subventionen profitierte. Robuste Arbeitsmärkte und entsprechender privater Konsum waren in Spanien für das starke Ergebnis mitverantwortlich, daneben auch eine günstige Energiepreisentwicklung.

Unbestritten ist das Wachstum nicht der einzig entscheidende Aspekt der wirtschaftlichen Stärke eines Landes. Der gezeigte Vergleich der absoluten Wirtschaftsleistung in Euro illustriert, dass Deutschland – wie bereits erwähnt – immer noch die mit Abstand stärkste Wirtschaftsmacht in der Euro-Zone ist. Trotzdem sollte nicht unterschätzt werden, wie stark Deutschland mittlerweile wachstumstechnisch zurückgefallen ist – nicht nur gegenüber deutlich kleineren, wendigeren und anpassungsfähigeren Nationen, sondern eben auch gegenüber Ländern mit relativ hoher absoluter Wirtschaftsleistung, wie Frankreich, Italien oder das schon erwähnte Spanien. Das deutet auf tiefersitzende Probleme hin. 

Ein Blick nach vorn

Im laufenden Jahr ist eine erneute Schrumpfung der deutschen Wirtschaft möglich: Im besten Fall dürfte es auf ein sehr leichtes Wachstum hinauslaufen. Der IWF geht aktuell von einem Plus in Höhe von 0,2 % aus. 

Für die gesamte Euro-Zone halten sich die Rezessionssorgen dagegen in engen Grenzen (IWF-Schätzung aktuell = +0,8 %), auch wenn der übliche Unsicherheitsfaktor solcher Einschätzungen aufgrund der anhaltenden Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten aktuell besonders hoch ist.

Gegenüber den USA und Asien bleibt es aber voraussichtlich bei den erheblichen Wachstumsrückständen. Erst für 2025 rechnet der IWF damit, dass sich diese wieder zurückbilden, wobei aus unserer Sicht die Dynamik der US-Wirtschaft nicht unterschätzt werden sollte. Auch im abgelaufenen Jahr hat die Stärke der US-Wirtschaft viele Expertinnen und Experten einmal mehr überrascht. Und ob Deutschland tatsächlich schon ab dem nächsten Jahr wieder an den Euro-Zonen-Durchschnitt anknüpfen kann, bleibt ebenfalls abzuwarten.  

Wachstumsaussichten

Eine gewisse Unterstützung könnte die Euro-Zonen-Wirtschaft dann erhalten, wenn die EZB nun relativ zügig beginnt, die Leitzinsen zurückzufahren, und diesen Modus dann auch beibehält. Vor dem Hintergrund der zuletzt erfreulich rückläufigen Inflation erscheint es realistisch, dass die EZB – früher als die US-Notenbank – bereits im Juni einen ersten 0,25 %-Schritt vollzieht, sukzessive gefolgt von weiteren Schritten nach unten. Damit wäre dann auch der Weg zu rückläufigen Refinanzierungskosten für Unternehmen und private Haushalte vorgezeichnet, was sowohl die Investitionen als auch den Konsum stärken sollte.    

EZB vor erster Senkung
deutliche Entspannungstendenzen

Fazit

Deutschland wird sich – vor allem politisch – stark strecken müssen, um den Wachstumsanschluss in der Welt, aber auch in der Euro-Zone nicht zu verlieren. Auch für die Euro-Zone insgesamt gibt es noch ausreichend Hausaufgaben, um die Wachstumslücken in Richtung USA und Asien zu schließen.

Vor diesem Hintergrund bleibt die internationale Streuung bei der Anlage an den Aktienmärkten oberstes Gebot. Dass sich die Rezessionssorgen rund um den Globus zuletzt weitgehend verringert haben (Deutschland zählt hier zu den Ausnahmen), ist für ein weltweit breit diversifiziertes Portfolio eine gute Nachricht, braucht es doch weltwirtschaftliches Wachstum als Treibstoff für langfristige Kurssteigerungen.     

Autor: Prof. Dr. Stefan May, Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung der Quirin Privatbank   

 

[1] Das Eurobarometer ist eine seit Herbst 1973 halbjährlich durchgeführte repräsentative Umfrage in den Mitgliedstaaten der EU: Standard Eurobarometer 100 - Autumn 2023

 

Die Konjunkturlage in der Euro-Zone und speziell auch die markante Schwäche der deutschen Wirtschaft hat uns auch in einer aktuellen Folge unseres Podcasts beschäftigt. Bei Interesse hören Sie gerne in die Folge 207 „Rezession oder Aufschwung – wie steht es um Europas Wirtschaft?“ rein, in der Ihnen Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank und Gründer der digitalen Geldanlage quirion, noch weitere interessante Aspekte rund um die europäische Konjunkturlage erläutert.

Über den Autor

Hören Sie passend zum Thema unseren Podcast „klug anlegen“

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