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GameStop, Robinhood und Co. – mutieren die Börsen zu Spielcasinos?

February 5, 2021

Wer nicht gerade über langjährige Kapitalmarkterfahrung verfügt und Finanzmarktnachrichten und Börsenkurse nur am Rande verfolgt, der könnte derzeit den Eindruck gewinnen, die Börsen mutierten mehr und mehr zu Spielcasinos. Insbesondere Anlegern, die noch keine Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt haben, könnte sich dieser Schluss aufdrängen. Glücksspielartig wirken beispielsweise die aktuellen Ereignisse rund um die Aktie der amerikanischen Videospielkette GameStop. Regelrechte Anlegerschwärme und sogenannte Short-Spekulanten haben sich mehrere Tage lang einen heftigen Kampf geliefert und so für enorme Schwankungen bei der an sich wenig bekannten Aktie gesorgt.

David gegen Goliath: Wie Kleinanleger die Wall Street das Fürchten lehren wollen   

Schlagzeilen wie „Kleinanleger zwingen milliardenschweren Hedgefonds in die Knie“ gab es dieser Tage unzählige. Einige davon klangen wie David gegen Goliath oder wie Robin Hood gegen den Sheriff von Nottingham. Eine positive Konnotation schwang hier spürbar mit. Aber geht es hier wirklich um Gut gegen Böse, um Arm gegen Reich? Und was ist eigentlich passiert?

Der Aktienkurs des geschäftlich schwer angeschlagenen Unternehmens GameStop befand sich schon länger auf Talfahrt. Verschiedene Hedgefonds[1] setzten darauf, dass die Kurse auch weiterhin fallen würden. Und nun kam die Überraschung: Vor allem junge Privatanleger verabredeten sich in speziellen Internetforen wie beispielsweise Reddit, dagegen zu wetten, und investierten in großem Umfang in GameStop. Damit trieben sie den Aktienkurs extrem in die Höhe, was wiederum Milliardenverluste für die Hedgefonds bedeutete. Ein Art Machtkampf entbrannte, initiiert von der Generation der Millennials, die es den „Großen“ mal so richtig zeigen wollte. Was zeitweise ja auch geklappt hat.

Broker-Apps fördern Zocker-Mentalität 

Eine wichtige Rolle dabei haben auch Broker-Apps wie die passend betitelte Robinhood-App gespielt. Solche Apps führen dazu, dass der sehr kostengünstige Handel mit Einzelaktien floriert, insbesondere in den USA. Sie sind aber mit Vorsicht zu genießen. In meiner Brust schlagen hier durchaus zwei Herzen, wie sich sicher denken können, schließlich habe ich selbst vor fast 30 Jahren mit Consors den ersten Online-Broker in Deutschland gegründet. Einerseits schätze ich den einfachen, direkten Zugang zu den Kapitalmärkten sehr. Andererseits habe ich damals schon relativ schnell feststellen müssen, dass die Consors-Kunden, die am aktivsten gehandelt haben, auch das meiste Geld verloren haben. Und das wird auch diesmal passieren beziehungsweise ist schon passiert.

Denn es ist bei derartigen Zockereien ohne Substanz in aller Regel nur eine Frage der Zeit, bis die Blase platzt. Und das Platzen ist schon in vollem Gange. Lag der Kurs der Aktie Anfang des Jahres noch bei 18 US-Dollar, stieg er zwischenzeitlich (im Tagesverlauf des 29.1.2021) auf über 480 US-Dollar und ist jetzt dabei, sich wieder dem harten Boden der Tatsachen zu nähern. Zum Redaktionsschluss dieses Beitrages lag er bei 53,5 US-Dollar (Schlusskurs vom 4.2.2021).

Hedgefonds und Kleinanleger liefern sich Wettschlacht um GameStop

Viel verbrannte Erde bleibt zurück

Diese herben Rückschläge sind eine logische Konsequenz, wenn Aktienkurse ohne solide Gründe in den Himmel steigen. So schreibt GameStop ja Verluste und befand sich bereits vor Corona auf Schlingerkurs. Und ein solches Unternehmen ist quasi ungewollt zum Spielball von Zockern geworden. Aber: So schnell sich solche Spekulationswellen aufbauen, so schnell werden sie auch wieder gebrochen, wenn einige Anleger anfangen, Kasse zu machen. Dann setzt der Herdentrieb in die andere Richtung ein und alle rennen wie die Lemminge hinterher.

Stabilität des gesamten Finanzsystems in Gefahr? 

Angesichts dieser Ereignisse stellt sich vielen Anlegern die Frage, ob Wetten wie die rund um GameStop nicht die Stabilität des gesamten Finanzsystems in Gefahr bringen können. Aber da kann ich Sie beruhigen: Um den rund 80 Billionen US-Dollar schweren globalen Aktienmarkt in seiner Funktionsweise auszuhebeln, bräuchte es eine riesige, homogen agierende Anlegergruppe – und das auf Dauer. Davon kann aber nicht die Rede sein. Zwar hat sich die ursprüngliche Käufergruppe verabredet und abgestimmt gekauft, was einen ersten Kursschub bewirkte. Dann aber setzte ein, was so häufig passiert: Anleger, welche den Kursanstieg realisierten, sind auf den bereits fahrenden Zug aufgesprungen, weil sie weitere Kursgewinne witterten. Damit wurde das Ganze zu einer klassischen Spekulationsblase, die Gewinner und Verlierer hervorbringen wird. Von einer homogen handelnden Gruppe kann dann keine Rede mehr sein. 

Auch die aktuelle Kursentwicklung von GameStop zeigt, dass am Ende die üblichen Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage greifen. Die im Netz getroffenen Absprachen waren lediglich die Initialzündung für den Kursaufschwung. Vollkommen und dauerhaft entkoppeln von der (Markt-)Realität können sich Aktien aber eben nicht. So wurde der GameStop-Zug wohl viel schneller gestoppt, als sich das viele der Initiatoren der Bewegung erhofft hatten. Das Finanzsystem wird also nicht auf den Kopf gestellt. Zudem hat es schon ganz andere Krisen überstanden, ohne seine originären Funktionen verloren zu haben. Man denke nur an das Platzen der Technologieblase zur Jahrtausendwende, die Weltfinanzkrise 2008/2009 oder die Euro-Krise. 

Viele Anleger halten die Börsen ohnehin für Casinos   

Aber zurück zur Casino-Assoziation. Fragt man Anleger heute, warum sie nicht in Aktien investieren, dann ist die häufigste Antwort: Aus Angst, alles zu verlieren. Diese Furcht ist bei Anlegern oft tief verankert. Sie glauben, eine Anlage an den Kapitalmärkten sei bloße Zockerei und viel zu riskant. In eine ähnliche Richtung zeigen Studien wie die der Frankfurt School of Finance & Management, nach der 67 Prozent der Befragten Angst vor hohen Verlusten haben.[2] Hierzu trugen sicher auch schlechte Erfahrungen wie beispielsweise zur Jahrtausendwende mit der Telekom-Aktie bei – und die aktuellen Ereignisse um GameStop werden dem einen oder anderen sicher auch in schlechter Erinnerung bleiben.

Die Deutschen meiden Aktien aus Angst vor Verlusten

Dabei ist eben genau das Gegenteil der Fall – Aktienanlagen sind, speziell in Zeiten von Niedrig- und Minuszinsen die Anlageform, die langfristig die höchsten Renditen erwarten lässt – wenn man es denn richtig macht.

Aktien beteiligen am unternehmerischen Wachstum

Denn die Grundidee hinter der Aktie ist nicht Zockerei, sondern höchst solide. Der Käufer einer Aktie wird zum Miteigentümer des Unternehmens. Damit beteiligt er sich an den unternehmerischen Chancen, aber eben auch an den Risiken. Für das Inkaufnehmen dieser Risiken wird er mit einer Risikoprämie entlohnt. Das sind zum einen Dividenden, zum anderen Kursgewinne, die letztlich auf dem Wirtschaftswachstum bzw. auf dem Gewinnwachstum des Unternehmens basieren.

Aktien beteiligen Anleger am Unternehmenserfolg

Vielen Anlegern ist dieses Grundprinzip der Einzelaktie nicht bekannt, es ist in Vergessenheit geraten oder wird manchmal von aktuellen Ereignissen überlagert.

Aber: Nicht nur in eine, sondern in viele Aktien investieren  

Kapitalmarktereignisse, die in der Öffentlichkeit eine so große Aufmerksamkeit generieren wie momentan GameStop, können zweierlei Folgen haben: Sie verstärken die ohnehin schon bestehende Angst, Börsen seien unkalkulierbare Spielcasinos. Oder sie wecken den Wunsch, an diesen irrationalen Wachstumsphantasien teilzuhaben und schnell reich zu werden. Auf den Punkt gebracht: Angst und Gier sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Das kann dazu führen, dass Anleger sich entweder auf die Suche nach den Top-Titeln machen und dabei einen Totalverlust riskieren. Oder dass sie Aktien komplett meiden und stattdessen das Geld auf Nullzins-Sparkonten parken oder dass sie falschen Versprechungen dubioser Anlagen am grauen Kapitalmarkt folgen. Mit Ersterem verpassen sie „nur“ Rendite, mit Letzterem gehen sie viel zu hohe Risiken ein und gefährden damit ihr gesamtes Vermögen.

Meine Befürchtung ist, dass der Hype um GameStop die in Deutschland ohnehin verhaltene Aktienkultur in meinen Augen erneut zurückwirft und die Etablierung der Aktie als Teilhabe am wirtschaftlichen Fortschritt und als Säule der Altersvorsorge zusätzlich erschwert. Dabei ist diese für die Vermögensbildung und -mehrung unabdingbar. Entscheidend dabei ist, wie man in Aktien investiert: nicht in Einzeltitel und nicht getrieben von einem Wettkampf gegen die Großinvestoren, sondern breit gestreut und rational nach wissenschaftlichen Kriterien. Und wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, das beherzigen, können Ihnen verrückte Auswüchse des Kapitalmarkts auch nicht gefährlich werden. Zudem schlagen Sie mehrere Fliegen mit einer Klappe – Sie partizipieren am wirtschaftlichen Wachstum von Unternehmen, was der Grundidee von Aktien entspricht, und durch die breite Streuung reduzieren Sie die Risiken langfristig erheblich. Denn ein Totalausfall eines Titels fällt bei einem breit diversifizierten Depot mit beispielsweise 10.000 Aktien so gut wie gar nicht ins Gewicht. Und so hat die Aktienanlage dann auch überhaupt nichts mit einem Spielcasino gemein, sondern schont kurz- und langfristig die Nerven und vor allem den Geldbeutel.

Wie immer sind Sie herzlich eingeladen, mir direkt an kms@quirinprivatbank.de zu schreiben, wenn Sie dieselbe oder eine andere Meinung haben, eine Anekdote oder einfach Ihre Gedanken dazu mit mir teilen wollen.

Autor: Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank und Gründer von quirion

 

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[1] Hedgefonds: Investmentfonds, die in der Regel sehr spezielle und auch komplexe Anlagestrategien verfolgen und dabei oft hohe Risiken eingehen.
[2] Frankfurt School of Finance & Management und Goethe-Universität Frankfurt, Studie „Zum Rätsel der Aktienmarktteilnahme in Deutschland“, Dezember 2019

 

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