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Der japanische Aktienmarkt meldet sich nach 34 Jahren zurück – welche Lehren lassen sich daraus ziehen?

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In den letzten Tagen konnte die japanische Aktienbörse ein bemerkenswertes Comeback feiern: Nach gut 34 Jahren (!) erreichte der bekannteste japanische Aktienindex – der Nikkei 225 – wieder seinen alten Höchststand von 38.957 Punkten aus dem Jahr 1989 (erklommen am 29. Dezember). Anfang März knackte er sogar die 40.000er-Marke.

Japans Aktienmarkt - neues Allzeithoch

Fast schon vergessen: Japan-Hype vor über 30 Jahren

Viele jüngere Leserinnen und Leser wissen es vermutlich gar nicht: Aber in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts galten japanische Immobilien und Aktien – insbesondere auch Immobilienaktien – als die heißesten Anlagetipps überhaupt. Unter risikofreudigen Naturen erfreuten sich zudem die meist vielfach gehebelten Optionsscheine japanischer Firmen großer Beliebtheit. In den knapp zehn Jahren von 1979 bis 1989 konnte der Nikkei 225 seinen Wert circa versechsfachen. Wer seinerzeit nicht in Japan investierte, galt als jemand, der nicht in der Lage war, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die entsprechenden Chancen zu ergreifen.

Japan-Investments wurden damals nicht etwa als besonders spekulativ und waghalsig eingeschätzt, was man ja durchaus vermuten könnte. Stattdessen waren viele davon überzeugt, dass es zwingende ökonomische Gründe für den fulminanten Aufschwung gab. Deshalb ging man von einer Fortsetzung der Hausse aus, obwohl sowohl Immobilienpreise als auch Aktienkurse bereits schwindelerregende Höhen erreicht hatten. Das Ausmaß der Hyperspekulation lässt sich erahnen, wenn man sich vor Augen führt, dass 1988 allein der Börsenwert des japanischen Fernmeldeunternehmens Nippon Telephone & Telegraph (NTT) den Wert aller an sämtlichen deutschen Börsen notierten Inlandsaktien übertraf.

Zur Verdeutlichung des seinerzeit herrschenden Immobilien-Wahnsinns in Japan: Ein bekannter Immobilienanalyst hatte damals errechnet, dass 1989 allein das Grundstück des japanischen Kaiserpalastes im Zentrum von Tokio (Palast samt zugehörigen Gärten rund 3,41 qkm groß) mehr wert war als der gesamte US-Bundesstaat Kalifornien mit immerhin 424.000 qkm.

Allein der Immobilienmarkt Tokios machte ca. zwei Drittel des (geschätzten) Gesamtwertes aller Immobilien weltweit aus. Trotz dieser – aus heutiger Sicht – aberwitzigen Bewertungsniveaus ging die Mehrzahl der Anlegerinnen und Anleger – professionelle wie private – davon aus, dass es mit den Preisen weiter nach oben gehen werde. Frei nach dem Motto „The sky is the limit“ („Der Himmel ist die Grenze“).

Der Verfasser kann sich beispielsweise noch sehr gut an eine Präsentation des großen japanischen Brokerhauses Nomura im Jahr 1989 erinnern, in der für japanische Immobilienaktien „getrommelt“ wurde. Ich sehe den Referenten in Gedanken noch vor mir, wie er den rund 100 Zuhörern die rhetorische Frage stellte, was denn mit den Immobilienpreisen eines relativ kleinen Landes mit immerhin rund 130 Millionen Einwohnern anderes geschehen könne, als zu steigen. Zumal dessen ohnehin schon knapp bemessene Landfläche nur zu ca. 30 % bewohnbar sei, weil der Rest aus zerklüfteter Gebirgslandschaft bestehe.

Ich versichere Ihnen, das gesamte Auditorium war fast einhellig der Meinung, dass es angesichts dieser Faktenlage mit den Immobilienpreisen in Japan (und übrigens auch mit den Aktienkursen) weiter nach oben gehen müsse. Nur kurze Zeit danach kollabierten sowohl der japanische Immobilien- als auch der Aktienmarkt … und ich habe nie wieder was von dem damaligen Referenten gehört.

Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie das Ganze in gewisser Weise an den aktuellen Hype rund um Technologiewerte (speziell aus dem KI-Sektor) erinnert, dann liegen Sie durchaus richtig. Allerdings möchten wir an dieser Stelle keinesfalls falsch verstanden werden. Wir behaupten nicht, dass der zuletzt starke Kursanstieg etlicher Technologieaktien vollkommen überzogen ist und dass ein abruptes Ende der Technologie-Hausse oder gar ein genereller Einbruch an den Aktienmärkten bevorsteht … können es aber auch nicht kategorisch ausschließen. Offen gestanden: Wir wissen es schlichtweg nicht. Niemand kann wissen, ob und wie lange die aktuelle Entwicklung (beispielsweise im Tech-Sektor) noch anhält.

Die eigentliche Lehre aus Japans wechselvoller Entwicklung

Was uns das Beispiel Japan allerdings lehrbuchhaft vor Augen führt, ist, dass kein Aktienmarkt und kein Marktsegment unbeschränkt derart stark zulegen kann, dass der breite Weltmarkt auf Dauer abgehängt wird. Und: dass die mit einer Korrektur verbundenen Rückschläge verheerend sein können. Im Falle Japans waren sie das tatsächlich, denn dagegen waren die Börsenstürme im Zuge der Finanzmarktkrise 2007/08 oder der Corona-Pandemie 2020 nur ein laues Lüftchen.

Der Nikkei 225 fiel in den Jahren 1990 bis 2003 – nach zwischenzeitlich immer wieder auftretenden Erholungsphasen – unter 10.000 Indexpunkte, somit auf ein Niveau, das lediglich nur noch rund 25 % seines Ursprungswertes von Ende 1989 ausmachte. Wie eingangs bereits erwähnt, hat er den zwischenzeitlichen Höchststand aus dem Jahr 1989 erst im Februar 2024 wieder erreicht und mittlerweile leicht überboten.

Am japanischen Immobilienmarkt war der Einbruch sogar noch verheerender. In den 15 Jahren von 1990 bis 2005 fielen die Preise für Gewerbeimmobilien um über 80 % (!).

Japans Immobilienmarkt - erst Übertreibung, dann Absturz

Der zeitgleiche Zusammenbruch von Aktien- und Immobilienmärkten war der Beginn einer Jahrzehnte andauernden Wirtschaftsschwäche Japans, von der sich das Land im Grunde bis heute nicht vollständig erholt hat.

Zusammenbruch Japans als Beispiel dafür, was unsystematische Risiken anrichten können

Doch warum erzähle ich Ihnen das alles, liebe Leserin, lieber Leser? Nicht nur, weil es sich um eine eindrucksvolle Episode der Finanz- und Wirtschaftsgeschichte handelt, sondern vor allem, weil der Zusammenbruch der japanischen Märkte ein – zugegebenermaßen extremes – Beispiel für eine spezielle Art von Risiko ist, das im Fachjargon etwas verharmlosend als „unsystematisch“ bezeichnet wird.

Leider wird auf dieses spezielle Risiko häufig nur im Zusammenhang mit dem Risiko beim Erwerb von einzelnen Aktien hingewiesen, was ja auch nicht falsch ist. Selbstverständlich bewirkt ein zu starker Fokus auf einzelne oder einige wenige Aktien unsystematische Risiken, vielleicht handelt es sich hierbei sogar um die gravierendste Form eines unsystematischen Risikos. Aber es ist eben nicht das einzige. Auch eine zu starke Schwerpunktsetzung auf bestimmte Marktsegmente (wie z. B. Technologieaktien) oder bestimmte Länder bzw. Regionen verursacht unsystematische Risiken. Und was passieren kann, wenn man solchen Risiken durch eine unzureichende Diversifizierung zu stark ausgesetzt ist und sie dann wirklich „zuschlagen“, dafür sind die skizzierten Entwicklungen in Japan geradezu ein Lehrbuchbeispiel.

Systematische versus unsystematische Risiken

Selbstverständlich kann auch ein nach wissenschaftlichen Standards international breit gestreutes Depot, das nur noch den sogenannten systematischen Risiken (allgemeines Marktrisiko) ausgesetzt ist, Verluste erleiden … ja im Extremfall sogar sehr starke Verluste, was beispielsweise die Finanzmarktkrise und die Corona-Pandemie gezeigt haben. Der entscheidende Unterschied (im Vergleich zu Einzelinvestments) besteht aber darin, dass Verluste im Rahmen eines weltweit breit gestreuten Depots über kurz oder lang wieder wettgemacht werden. Die folgende Grafik verdeutlicht das sehr eindrucksvoll.

Erfolgsfaktor weltweite Streuung

Man sieht in der Grafik, dass auch die internationalen Aktienmärkte durch die Krise Japans seinerzeit belastet wurden. Im Gegensatz zu den japanischen Aktien hat sich der Weltaktienmarkt insgesamt aber relativ schnell wieder erholt und die ursprünglichen Verluste mehr als wettgemacht. Während Japans Aktien von 1989 bis Anfang 2024 mit plus/minus null aus dem Rennen gingen, hat der globale Aktienindex der Industrieländer – der MSCI World – im selben Zeitraum um rund 490 % bzw. 5,3 % pro Jahr zugelegt (jeweils ohne Dividendenzuflüsse gerechnet).

Darüber hinaus gibt es noch weitere Unterschiede: Wenn unsystematische Risiken (sprich spezifische unternehmens-, branchen- oder länderseitige Risiken) „zuschlagen“, dann geschieht dies in aller Regel häufiger und mit größerer Vehemenz, als dies bei systematischen Risiken der Fall ist. Ein globaler Aktienindex wird in Schwächephasen in der Regel nicht so stark fallen wie einzelne spezielle Marktsegmente oder gar Einzeltitel.

Zudem illustriert der Vergleich des japanischen Aktienmarktes mit dem Weltmarkt (siehe obige Grafik) ein grundlegendes marktwirtschaftliches Prinzip: In einem internationalen marktwirtschaftlichen System freier Märkte kann man darauf vertrauen, dass sich die Kurse auf breiter Front wieder erholen, nachdem systematische Risiken „zugeschlagen“ und die Aktienkurse stärker gedrückt haben. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft erzwingt, dass unternehmerische Risiken über kurz oder lang entlohnt werden (in Gestalt steigender Aktienkurse). Nicht in jedem Einzelfall, aber insgesamt. Wäre dies nämlich nicht der Fall, wäre auch die Marktwirtschaft am Ende.

Bei unsystematischen Risiken ist dies anders: Es gibt kein ökonomisches Gesetz, welches fordert, dass sich Kursverluste bei einzelnen Wertpapieren oder Marktsegmenten wieder ausgleichen müssen. Einzelne Unternehmen, ja selbst einzelne Märkte können untergehen. Man nehme beispielhaft den starken Kursverlust der Deutsche-Bank-Aktie in den letzten Jahren. Kein einziges Prinzip der Marktwirtschaft wäre verletzt, sollte sich der Aktienkurs nicht wieder erholen und die Deutsche Bank AG im Extremfall vom Markt verschwinden.

Der japanische Aktienmarkt dagegen hat sich zwar wieder auf das alte Niveau erholt, aber es hat immerhin 34 Jahre gedauert. Kurseinbrüche in einem breit gestreuten internationalen Depot sind dagegen völlig anders zu beurteilen: Wenn sich hier die Kurse über kurz oder lang nicht wieder erholen würden, wäre im Grunde die Funktionsweise des gesamten marktwirtschaftlichen Systems in Frage gestellt.

Die Auswirkungen unkalkulierbarer und heftiger Kursverluste sowohl einzelner Wertpapiere als auch ganzer Märkte lassen sich durch eine wissenschaftliche und internationale Risikostreuung weitgehend entschärfen. Leider werden die speziellen Risiken bestimmter Marktsegmente und -regionen nach wie vor häufig unterschätzt. Die aktuell nicht selten zu hörende Aufforderung, verstärkt in Technologiewerte zu investieren, die in den letzten Jahren ja weit überdurchschnittlich gut gelaufen sind, ist dafür ein Beleg.

Die für Anlegerinnen und Anleger letztlich entscheidenden Unterschiede zwischen systematischen und unsystematischen Risiken sind in folgender Tabelle zusammengefasst.

Wesentliche Unterschiede zwischen unsystematischen und systematischen Risiken

Fazit

Eine wissenschaftlich untermauerte, international diversifizierte Depotstruktur ist der entscheidende Erfolgsfaktor für einen langfristig erfolgreichen Vermögensaufbau. In einzelnen Ländern, Regionen, Branchen oder gar mit einzelnen Wertpapieren punktuelle Investmentschwerpunkte zu setzen, weil man davon besonders überzeugt ist, kann zwar vorübergehend zu einer besseren Wertentwicklung (im Vergleich zum Weltaktienmarkt) führen. Letztlich aber wird das durch einen überproportionalen Zuwachs an (unsystematischen) Risiken erkauft. Dies rächt sich dann allzu oft.

Stattdessen bedeutet wissenschaftliches Investieren, mit Hilfe sinnvoller globaler Streuung – über alle relevanten Marktsegmente hinweg – das ganze Potenzial der Kapitalmärkte zu nutzen. Durchläuft eine Region oder ein Land eine enttäuschende oder gar krisenhafte Phase, wird es immer andere Bereiche/Länder geben, die sich besser entwickeln. Zwar können einzelne Aktien, Länder, Regionen und Branchen temporär weit überdurchschnittlich abschneiden, auf Dauer ist das jedoch höchst unwahrscheinlich. Die Geschehnisse in Japan in den letzten Jahrzehnten sind ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie desaströs eine Korrektur nach vorherigem Sturmlauf ausfallen kann.

Autor: Prof. Dr. Stefan May, Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung der Quirin Privatbank

 

Glücklich schätzen kann sich, wer ein breit gestreutes Portfolio über verschiedene Länder und Branchen hinweg besitzt, das Kursverluste abfedert. Aber auch im Leben eines Investors oder einer Investorin gibt es letztlich nichts geschenkt. Was eine solche Diversifizierung „kostet“ und warum es dennoch absolut sinnvoll ist, sie zu nutzen, erfahren Sie im entsprechenden Podcast von Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank AG und Gründer der digitalen Geldanlage quirion. Hören Sie gern rein in die Folge Nr. 202: „Gewinner und Verlierer im Depot – macht eine breite Diversifizierung wirklich Sinn?“

Über den Autor

Hören Sie passend zum Thema unseren Podcast „klug anlegen“

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