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Aufstieg und Fall von Aktienmärkten – eine erkenntnisreiche Zeitreise

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Ein Blick in die Finanzmarkthistorie ist an vielen Stellen interessant und aufschlussreich. Heute möchten wir unser Augenmerk auf die Bedeutung von regionalen Aktienmärkten im globalen Kontext richten und wie sich diese historisch verändert hat.

Das Prinzip der Marktkapitalisierung

Diese Bedeutung wird üblicherweise anhand des nationalen Anteils an der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung gemessen. Die Marktkapitalisierung bestimmt die Gewichte einzelner Unternehmen in den allermeisten Aktienindizes. Sie entspricht dem Börsenwert eines Unternehmens. Für eine Aktie ergibt sich die Marktkapitalisierung, indem man die Anzahl der ausstehenden Aktien, die gegenwärtig von allen Anteilseignerinnen und -eignern eines Unternehmens gehalten werden, mit dem Aktienkurs multipliziert.

Daraus folgt, dass die Aktie mit der höchsten Marktkapitalisierung auch die höchste Gewichtung im Index hat und umgekehrt. Dieses Prinzip lässt sich durch die Kombination adäquater Aktienindizes auch auf den Weltaktienmarkt übertragen. Nationale Anteile am gesamten globalen Aktienmarkt werden auf diese Weise sichtbar.

US-Aufstieg und europäischer Rückfall

Aktuell ist der US-amerikanische Aktienmarkt der mit Abstand wichtigste der Welt und aufgrund der enormen Dominanz gewinnt man schnell den Eindruck, dass dies schon immer so war.

Umso spannender ist ein sehr langfristiger Blick zurück zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit stellte sich die regionale Struktur des Weltaktienmarktes tatsächlich noch völlig anders dar.

Zu dieser Zeit waren Europas Aktienmärkte noch deutlich führend. Während der US-Anteil lediglich 15 % betrug, stellten allein Großbritannien, Deutschland und Frankreich in Summe einen Weltmarktanteil von rund 50 % – Österreich und Russland hinzugerechnet waren es schon über 60 %. Mittlerweile ist das Gewicht von Gesamt-Europa auf rund 18 % zusammengeschrumpft.

Wachabloesung

Was steckt dahinter?

Diese zum Teil immensen Gewichtsverschiebungen haben naturgemäß etwas mit der historischen Wertentwicklung der einzelnen Märkte zu tun. Der heute gut 50%ige US-Anteil ist also auch auf die über Jahrzehnte hinweg relativ starke Performance amerikanischer Aktien zurückzuführen.

Durch eine deutlich überdurchschnittliche Performance wurden in den vergangenen gut 120 Jahren auch immer wieder einmal Märkte nach oben gespült, die mittlerweile deutlich zurechtgestutzt wurden. Ende der 1980er Jahre betrug Japans Anteil am Weltaktienmarkt gut 40 % – vor allem getrieben durch die Immobilienbranche. Aus heutiger Sicht wirkt das schier unglaublich. Was folgte war der Zusammenbruch des japanischen Aktienmarktes um deutlich mehr als die Hälfte seines Wertes. Erst kürzlich – nach gut 34 Jahren (!) – sah der japanische Nikkei-Index sein altes Hoch wieder. Der wertmäßige Aufstieg des US-Aktienmarktes führte aber dazu, das Japans Anteil an der globalen Marktkapitalisierung mittlerweile auf rund 7 % zusammengeschrumpft ist. Damit belegt der Markt aber aktuell immerhin noch Platz 2 im Gesamt-Ranking.  

Neben dem Performance-Aspekt spielt langfristig noch ein weiterer Faktor eine Rolle, wenn es um das Gewicht einzelner Länder am Weltaktienmarkt geht. Diesen Faktor kann man als „Tiefe“ eines Aktienmarktes bezeichnen. Er bemisst sich daran, wie viele Unternehmen in einem einzelnen Land überhaupt am Aktienmarkt notiert sind oder genauer gesagt an der Relation von nationaler Marktkapitalisierung zu nationalem Bruttoinlandsprodukt (BIP). So weist die USA hier relativ starke Werte auf, während z. B. Deutschland eine geringe Markttiefe besitzt, was an der großen volkswirtschaftlichen Bedeutung des deutschen Mittelstandes liegt, der vielfach nicht an der Aktienbörse notiert ist.  

Apropos volkswirtschaftliche Bedeutung: Die Entwicklung der nationalen Aktienmarktgewichte im globalen Kontext verrät auch etwas über die Entwicklung des ökonomischen Stellenwerts einzelner Länder und Regionen.

Aktienmarktperformance und Wirtschaftskraft

So verdeutlicht die Entwicklung von 1900 bis heute auch den wirtschaftlichen Bedeutungsverlust bzw. verpassten Wachstumschancen von Europa gegenüber den USA. Stand das Jahr 1900 noch voll im Zeichen der Industrialisierung, so dreht sich in der jüngeren Historie vieles um fortschrittliche Technologien im Rahmen der globalen Digitalisierung. Dass seit der vorletzten Jahrhundertwende etwa 80 % der damaligen Branchenkapitalisierung verschwunden ist, verdeutlicht die kreative Kraft des Wandels. Dominierte seinerzeit der Eisenbahnsektor mit einem Gewicht von rund 60 % das Branchen-Tableau, so ist es heute der Technologiesektor mit rund 25 %.

Ein vollständiges Spiegelbild der Wirtschaftsstärke sind die Ländergewichte indes nicht. Eindrücklichster Beleg dafür ist die Entwicklung Chinas. Seit dem Beitritt in die Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 hat das Reich der Mitte einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg hingelegt. Das schlägt sich in diesem Fall zwar erheblich in der Wirtschaftskraft nieder, aber bislang eben kaum in der Bedeutung des Aktienmarktes. Beim Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung liegt China mittlerweile (kaufkraftbereinigt[1]) auf Platz 1, während der chinesische Anteil am Weltaktienmarkt lediglich rund 3 % beträgt.

China schlaegt USA

Der angesichts der gesamtwirtschaftlichen Vormachtstellung Chinas erstaunlich niedrige Aktienmarktanteil hat vor allem etwas damit zu tun, dass sich der chinesische Markt noch nicht so stark für globale Investorinnen und Investoren geöffnet hat, und auch mit einer relativ geringen Markttiefe.

Die richtige Ländergewichtung in einem Aktienportfolio

Das Beispiel China verdeutlicht, warum es keine gute Idee ist, ein Aktienportfolio auf Basis der Wirtschaftskraft aufzubauen. Man würde dann z. B. mit China einen erheblichen Teil des Portfolios in einen Aktienmarkt investieren, der nur eingeschränkt investierbar ist und bis heute leider auch noch in Teilen politisch manipulierbar erscheint.

Die einzig wirklich konsistente Gewichtungsmethode ist und bleibt die Gewichtung nach Marktkapitalisierung. Diese ergibt sich letztlich aus dem Angebot und der Nachfrage am gesamten globalen Aktienmarkt. Ein Portfolio, das auf dieser Basis gewichtet ist, nutzt im Prinzip die Schwarmintelligenz des Gesamtmarktes und ist faktisch prognosefrei aufgestellt. Dass eine solche Strategie auf längere Sicht aktiven, prognosebehafteten Strategien – und auch die BIP-Gewichtung ist eine solche – überlegen ist, zählt bereits seit geraumer Zeit zum wissenschaftlichen Konsens.   

Fazit

Die Ländergewichte in einem nach Marktkapitalisierung strukturierten Aktienportfolio können sich im Zeitverlauf erheblich verschieben. Diese Bewegungen machen Investorinnen und Investoren automatisch mit und verbünden sich auf diese Weise mit dem Markt, anstatt sich – mit prognosebehafteten Strategien – schlimmstenfalls gegen ihn zu stellen, was in den allermeisten Fällen Renditechancen kostet. 

Da eine hohe Marktkapitalisierung auch ein Ausdruck wirtschaftlicher Stärke ist, fließt der Aspekt der Wirtschaftskraft mittelbar in die Portfoliostruktur ein. Im Unterschied zu eigenmächtigen Gewichtsverschiebungen hat dies den Vorteil, dass dahinter dann eine gefestigte Tatsache und nicht eine Prognose steht.

Wirtschaftlich sehr starke, aber kapitalisierungstechnisch leichtgewichtige Länder wie China erlangen in einem solchen Weltportfolio über intensive Handelsverflechtungen mit anderen Ländern letztlich dennoch eine hohe Bedeutung.  

Autor: Prof. Dr. Stefan May, Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung der Quirin Privatbank   

 

Podcast

Die Konstruktion eines marktkapitalisierungsgewichteten Weltportfolios ist nicht trivial und birgt viele interessante Aspekte. In einer Podcast-Trilogie geht Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank und Gründer der digitalen Geldanlage quirion, genau darauf näher ein und nimmt Sie sozusagen mit auf einen Besuch in die Portfolio-Werkstatt. Hören Sie gerne rein in die drei entsprechenden Folgen:

Folge 32 – Das optimale Portfolio I: Warum ein Index allein nicht ausreicht

Folge 33 – Das optimale Portfolio II: So sieht eine gute Depotstruktur aus

Folge 34 – Das optimale Portfolio III: Die Produktauswahl – jetzt wird’s konkret

 

[1] Kaufkraftbereinigte Berechnung auf Grundlage des sogenannten Kaufkraftparitäten-Dollars. Das ist eine Umrechnungseinheit, die den Wert des US-Dollars nicht danach bemisst, was er an den Devisenmärkten wert ist, sondern danach, wie viel man sich in den einzelnen Ländern dafür kaufen kann. D. h., bei einem Ländervergleich auf Basis des Kaufkraftparitäten-Dollars werden die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten in den verschiedenen Ländern berücksichtigt. Und diese sind in China geringer als in den USA. Nicht kaufkraftbereinigt gerechnet haben die USA noch die Nase vorn gegenüber China mit rund 27,3 Bio. versus 17,6 Bio. US-Dollar, was Anteilen am nominalen Welt-BIP von ca. 27 bzw. ca. 17 % gleichkommt. 

 

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