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Unternehmer an die Macht!

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Geburtstage und Jubiläen sind in der Regel etwas Schönes, in diesem Falle jedoch nicht: Corona „feiert“ sein 1-Jähriges. Seit einem Jahr hält uns das Virus in Atem und zwingt uns zu Einschränkungen im täglichen Leben, im sozialen Miteinander, im beruflichen Kontext, auf Unternehmensebene.

Im März 2020 war die komplexe Gemengelage rund um das neuartige Virus mit unbekannter Infektiosität, unklaren Übertragungswegen und fraglichen Inkubationszeiten für uns alle Neuland. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt kaum Mittel, dem Virus Einhalt zu gebieten. Am damals verhängten harten Lockdown für Deutschland führte daher kein Weg vorbei. So konnte die Verbreitung des Erregers verlangsamt, die Infektionskurve geglättet und die Lernkurve steiler werden.

Wir brauchen eine Strategie für ein Leben mit der Pandemie

Seitdem ist ein Jahr vergangen. Wir haben einiges erreicht in dieser Zeit und der Worst Case mit überfüllten Intensivstationen ist – im Gegensatz zu einigen anderen Ländern – ausgeblieben. Und doch haben wir, hat Deutschland diese 365 Tage nicht gut genug genutzt, um gewonnene Erkenntnisse in entsprechende Maßnahmen umzusetzen. Im Gegensatz zu vor einem Jahr wissen wir heute sehr viel über das Virus, die Übertragungswege und die vulnerablen Gruppen. Leider haben wir zu wenig aus diesem Wissen gemacht. Und so ist die Liste der staatlichen Versäumnisse diesbezüglich lang: Zuerst mangelte es an Masken, dann an Schutzausrüstung für Klinikpersonal, an Corona-Tests, an Laborkapazitäten und nun an Impfstoff. Zudem fehlte mir schon seit längerem eine tragfähige Strategie für einen Weg raus aus dem Lockdown hin zu einem Leben mit der Pandemie. Denn so viel ist sicher: Corona wird so schnell nicht aus unserem Leben verschwinden. Doch statt mit einem langfristigen Konzept rauszukommen aus dem Krisenmodus, haben wir uns von einem Lockdown zum nächsten gehangelt.

Das Geschäft ist geschlossen

Unternehmer würden in dieser Krise anders agieren

Was ist das Problem daran? Dem Staat, unserer Regierung fehlt es oft an einer gewissen unternehmerischen Grundeinstellung. Jeder Unternehmer würde anders mit dieser Krise umgehen. Er würde nicht über Wochen und Monate den Lockdown-Hammer auspacken und in Kauf nehmen, dass alles zu Bruch geht, was ihm in die Quere kommt. Und damit meine ich nicht „nur“ die wirtschaftliche Existenz von so vielen, sondern auch die Schulbildung unserer Kinder, die eingeschränkte Gesundheitsversorgung abseits von Corona oder die Vereinsamung vieler Menschen. Der Unternehmer würde sehr viel differenzierter vorgehen und schauen: Wo sind die gefährdeten Gruppen, wie kann man diese besonders gut schützen, ohne zu hohe Kollateralschäden zu verursachen? Was muss man wirklich schließen und was kann unter Einhaltung möglicher Sicherheitsvorkehrungen weiterlaufen?

Klar, so ein differenzierteres Vorgehen bedeutet mehr Mühe, Aufwand und Risiko und es wäre auch kein sofort wirksames Allheilmittel – der Lockdown ist es aber definitiv noch viel weniger. Allein die wirtschaftlichen Schäden beziffern Experten auf 1 Milliarde Euro – am Tag wohlgemerkt. Und das sind nicht nur Unternehmensgewinne, sondern die Existenzgrundlage unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Von den schwerer zu beziffernden Ausfällen, z. B. bei der Schulbildung, ganz zu schweigen.

Unternehmerisches Denken? Fehlanzeige!  

Besonders heikel ist das Thema Impfen. Es ist wirklich eine enorme Leistung aller Beteiligten, wie schnell die verschiedenen Impfstoffe entwickelt wurden. Umso bedauerlicher ist die schleppende Verteilung, denn was nützt der schnellste Impfstoff, wenn er nicht effizient unters Volk gebracht wird? Es ist ernüchternd, dass wir – also unsere Unternehmer – in kürzester Zeit Impfstoffe produzieren können, aber unser Staat z. B. keine bundesweite Hotline für Impftermine hinbekommt.

2,7% der Deutschen sind geimpft

Ein weiteres Beispiel: Aus jeder Impfstoff-Ampulle wollte man nach der Bestellung plötzlich sechs statt der bis dahin kalkulierten fünf Impfdosen ziehen. Daraufhin haben die Impfstoff-Hersteller den Umfang der Ampullen-Lieferung reduziert. Denn die Lieferverträge beziehen sich auf die Anzahl von Impfdosen, nicht von Ampullen. In der Praxis wiederum ließen sich aber doch nur fünf Dosen je Ampulle ziehen statt der erhofften sechs. Letztlich gab es damit nicht 20 Prozent mehr, sondern etwa 15 Prozent weniger Impfdosen als ursprünglich geplant. Ein Unternehmer hätte hier wahrscheinlich eher Impfstoffmengen statt Impfdosen verhandelt. Nun will Biontech zum Selbstkostenpreis besondere Spritzen liefern, mit denen das Ziehen von sechs Dosen pro Ampulle doch noch gelingen soll.

Auch bei der Corona-Warn-App fehlt mir das unternehmerische Abwägen von Chancen und Risiken. Die App ermöglicht die Nachverfolgung potenzieller Kontakte und kann damit helfen, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Doch statt einer schnellen, verpflichtenden Nutzung für alle entbrannte eine Debatte um den Datenschutz, die ich nicht nachvollziehen kann. Wenige personenbezogene Daten werden zeitlich begrenzt gespeichert, dafür schützen wir Menschenleben, erhalten individuelle Freiheitsrechte zurück und können den Lockdown abmildern – was gibt es da zu überlegen? Stattdessen gefährden wir Existenzen und sorgen uns um den Datenschutz.

Sorge um Datenschutz

Bitter ist auch, dass es bis heute kein flächendeckendes Konzept für digitalen Unterricht gibt. Seit Ende letzten Jahres werden Eltern erneut dazu verdonnert, neben ihrem eigentlichen Job parallel ihre Kinder zu beschulen, obwohl sie dafür weder Zeit haben noch dafür ausgebildet wurden. Das ist mehr als eine Zumutung. Und die Kosten für die Volkswirtschaft sowie die Langzeitfolgen für die Kinder sind enorm.

Ökonomische Folgekosten des Schulausfalls

Und so ließe sich die Liste der Versäumnisse und Flickenteppiche noch weiter fortsetzen. Aber lassen Sie uns an dieser Stelle nicht weiter klagend in den Rückspiegel schauen (der ja zugegebenermaßen auch immer erst im Nachhinein Klarheit verschafft). Nein, schauen wir voraus und fragen wir uns: Was kann uns denn in den nächsten Monaten helfen und was können wir für künftige Krisen lernen? 

Unternehmen sind bessere Krisenmanager als der Staat

Zunächst einmal: Viele Unternehmen haben mit ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrem Innovationsgeist dazu beigetragen, bei der Lösung der aktuellen Krise ganz maßgeblich mitzuhelfen. Sie haben unter anderem

  • mehrere Impfstoffe in weniger als einem Jahr entwickelt und zur Zulassung gebracht 
  • Masken, Schutzkleidung usw. in ausreichenden Mengen hergestellt, auch „made in Germany“
  • und dafür in vielen Fällen jahrelang etablierte Geschäftsmodelle und Prozesse über den Haufen geworfen
  • mobiles Arbeiten auf breiter Fläche eingeführt, um ihre Mitarbeiter und damit auch ihre Kunden zu schützen
  • kreative Konzepte für ihre jeweiligen Geschäftsmodelle entwickelt
  • Kundenkontakte und Veranstaltungen digitalisiert

Dabei gehört es zu einem erfolgreichen Unternehmertum, insbesondere auch zu einem effizienten Krisenmanagement, immer agil zu arbeiten, Entwicklungen regelmäßig zu hinterfragen, aus Fehlern zu lernen, Prozesse anzupassen etc. Und davon müsste sich der Staat aus meiner Sicht eine ganz dicke Scheibe abschneiden, wenn er als Krisenmanager erfolgreicher sein will.

Wir brauchen mehr Unternehmer- und weniger Beamtentum

Das könnte funktionieren, indem sich die verantwortlichen Politiker bei jeder Maßnahme fragen, wie sie sich den Marktmechanismus zunutze machen können und wie sie die oft krisenerprobten Unternehmer mit einbeziehen können. Ja, auch das wird nicht in jedem Fall hervorragend funktionieren, und in machen Konstellationen wird der Markt als Regelungsmechanismus auch von vornherein ausscheiden. Aber so haben tragfähige, innovative und effektive Konzepte zumindest die Chance zu entstehen, die sie in unserem staatlichen Bürokratie-Apparat oft nicht haben.

Exkurs: Willkommen in den 70ern

Wir Deutschen glauben zudem gern, wir wären Super-Organisatoren und so eine Pleite wie die mit dem Berliner Flughafen sei eine Ausnahme. Irrtum! Leider ist dem nicht so – bei vielen Themen sind wir nicht mehr so gut, wie wir es mal waren oder sein könnten. Und das gilt leider auch für das Corona-Management. Der erste Schritt, um von diesem Mittelmaß wieder wegzukommen, ist, das überhaupt erst einmal zu erkennen. So ist beispielsweise unsere Verwaltung überwiegend auf dem Stand der 70er Jahre stehen geblieben.

Behörden und Ämter haben keine Wettbewerber - und damit entfällt auch der Drang und Zwang, sich stetig weiterzuentwickeln. Doch da, wo es naturgemäß keinen Wettbewerb gibt, trägt der Dienstherr die Verantwortung dafür, dass es trotzdem vorangeht und Innovation entstehen kann. Die Realität sieht aber oft so aus, dass das nicht erwünscht ist und das Umfeld dafür gar nicht geschaffen wird. So wird in der aktuellen Situation zwar allen Unternehmern empfohlen, ihre Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten zu lassen, für Mitarbeiter in Ämtern ist das aber nur selten möglich, weil es meist an der technischen Ausstattung fehlt. Zudem regiert in vielen Behörden nicht nur die Optik der 70er, sondern auch deren Spirit. Wie soll in einem solchen Umfeld Kreativität und Innovation entstehen? Kein Wunder, wenn es dann auch beim Corona-Krisenmanagement knirscht.

Willkommen in den 70ern

Das zeigt beispielsweise die Verteilung der FFP2-Masken. Was es gekostet hat, die Masken zu organisieren und dann an sämtliche Apotheken zu verteilen, bei der Bundesdruckerei die Gutscheine erstellen zu lassen und diese dann über die Krankenkassen versenden zu lassen – wäre es nicht deutlich effizienter gewesen, sie einfach jedem Haushalt in Deutschland per Post zu senden?

Auch hier muss sich einiges bewegen. Wir brauchen in unseren Amtsstuben, in der Politik und in der Verwaltung die Innovationskraft der freien Wirtschaft und dafür aber auch die erforderliche technische Ausstattung, wir brauchen kreative Köpfe und den Mut, auch mal Fehler zu machen, wir brauchen generell mehr Erfindergeist und Menschen wie Uğur Şahin. 

Wir brauchen eine stärker differenzierende Corona-Politik

Zudem brauchen wir eine stärker differenzierende Corona-Politik. Die seit einem Jahr andauernde Gleichmacherei der Regierung ist langfristig ökonomisch nicht tragbar. Die ersten Ansätze hierfür sind nun endlich da, so hat die Bundesregierung vorgestern einen entsprechenden Stufenplan für schrittweise Lockerungen vorgelegt. Ein Jahr nach Pandemiebeginn reichlich spät, aber immerhin. Die wichtigste Funktion einer differenzierteren Corona-Politik ist dabei, den Rückhalt in der Bevölkerung für die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung dauerhaft zu sichern. Denn das Virus wird uns noch eine Weile begleiten. Deshalb sollten notwendige Maßnahmen zukünftig mit mehr Bedacht beschlossen werden – nicht mit dem Hammer, sondern eher mit der Pinzette, wenn Sie so wollen.

Bleiben wir zuversichtlich

Wer regelmäßig mein Tagebuch liest, der weiß, dass ich ein grundsätzlich positiver Mensch bin, dem es fernliegt, zu meckern und zu nörgeln. Ich packe lieber an und ändere das, was mir nicht gefällt. Das kann ich in meinem eigenen Unternehmen auch genauso handhaben – und bin damit nicht nur in unserem Umgang mit der aktuellen Krise recht erfolgreich. Daher auch mein Versuch aufzuzeigen, was man unternehmerisch gedacht aus den Versäumnissen der letzten Monate lernen kann, ja lernen muss. Wie sehen Sie das? Oder wie managen Sie die Krise, falls Sie selbst Unternehmer sind? Schreiben Sie mir gerne persönlich an kms@quirinprivatbank.de.

Trotz aller Schwierigkeiten bin ich zuversichtlich, dass wir bald einen dauerhaften Weg aus der Krise hin zu einem Leben mit dem Virus finden werden. Und die Zeichen stehen dieser Tage zum ersten Mal seit langem ganz gut. Neben dem Stufenplan der Bundesregierung für eine schrittweise Lockerung schrieb der Tagesspiegel am Mittwoch, dass jedes Klassenzimmer in Berliner Schulen schon in der kommenden Woche mit einem WLAN-Router ausgestattet werden soll, um einen digitalen Unterricht zu ermöglichen. Es gibt sie also, die kleinen Gründe, um zuversichtlich zu bleiben. Und das wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser – bleiben Sie optimistisch und zuversichtlich.

Autor: Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank und Gründer von quirion

 

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