Immer wieder stehen Anlegerinnen und Anleger deshalb vor der Frage, wofür sie sich entscheiden sollen und welches Produkt das richtige für sie ist. Dabei wird meiner Erfahrung nach ein anderer, ganz wesentlicher Aspekt regelmäßig unterschätzt. Und ich durfte in den fast 40 Jahren, in denen ich mittlerweile an den Finanzmärkten unterwegs bin, schon eine ganze Menge erleben.
Die Wichtigkeit des Weglassens
Und zwar das Weglassen von unpassenden, überteuerten oder unrentierlichen Produkten. Und von denen gibt es eine ganze Menge am Markt. Dieses bewusste Weglassen, dieses „nicht aufs falsche Pferd setzen“, hat mindestens genauso große Auswirkungen auf Ihren persönlichen Anlageerfolg, liebe Leserinnen und Leser, wie die Auswahl des vermeintlich richtigen Produkts.
Das gezielte Unterlassen des Falschen ist auch als Via Negativa bekannt. In meinem Buch „Geld im Glück“ gibt es zu diesem Thema sogar ein eigenes Kapitel. Denn bei der Geldanlage und beim Vermögensaufbau ist es nicht nur wichtig, das Richtige zu tun. Es ist mindestens genauso wichtig, das Falsche zu unterlassen. Wie entscheidend das sein kann, sehen wir aktuell am Beispiel des Hedgefonds Situational Awareness.
Die Pleite von Situational Awareness
Der KI-Hedgefonds des ehemaligen OpenAI-Forschers und deutschen Wunderkindes Leopold Aschenbrenner musste im Juli 2026 große Teile seines Portfolios unter massivem Zeitdruck verkaufen. Genau genommen handelte es sich dabei nicht um eine klassische Insolvenz im Sinne eines Bankrotts. Der Fonds geriet vielmehr durch sogenannte Margin Calls unter erheblichen Liquiditätsdruck.
Infolgedessen mussten gehebelte Positionen in KI- und Halbleiteraktien teilweise mit hohen Abschlägen veräußert werden. Berichten zufolge hatte der Fonds ein Aktienportfolio von rund 16 Milliarden US-Dollar aufgebaut und mit einem Hebel von bis zu 400 Prozent gearbeitet.
Falls Sie noch nie von Hedgefonds oder gehebelten Produkten gehört haben, hier ein kurzer Exkurs.
Wie funktioniert ein Hedgefonds?
Hedgefonds investieren in der Regel freier und aggressiver als normale Fonds. Sie können u. a. in Aktien, Anleihen, Währungen und Rohstoffe investieren, Derivate einsetzen und sowohl auf steigende als auch auf fallende Kurse wetten. Auch sehr spezielle Märkte sind möglich.
Im Fall von Situational Awareness lautete die grundlegende Wette: Künstliche Intelligenz wird boomen – also kaufen wir möglichst viele Aktien von Unternehmen, die von diesem Boom profitieren könnten. Das Problem war nicht, dass Künstliche Intelligenz keine Zukunft hat, sondern die Verbindung aus einer sehr konzentrierten Wette und einem hohen Fremdkapitaleinsatz.
Wie funktioniert ein Hebel?
Angenommen, Sie verwalten einen Fonds und haben 10.000 Euro eigenes Geld. Sie legen aber nicht nur diese 10.000 Euro an, sondern leihen sich von einer Bank weitere 30.000 Euro, im Idealfall zu relativ günstigen Konditionen. Insgesamt investieren Sie also 40.000 Euro.
Steigen die Aktien um zehn Prozent, werden aus den 40.000 Euro 44.000 Euro. Ihr Fonds hat 4.000 Euro verdient. Bezogen auf Ihr eigenes eingesetztes Kapital von 10.000 Euro entspricht das einem Gewinn von 40 Prozent.
So weit, so gut.
Fallen die Aktien aber um zehn Prozent, sinkt der Wert Ihrer Anlage auf 36.000 Euro. Sie haben 4.000 Euro verloren. Von Ihrem eigenen Kapital bleiben nur noch 6.000 Euro übrig. Aus einem Börsenverlust von zehn Prozent ist also ein Verlust von 40 Prozent auf Ihr eingesetztes Kapital geworden. Die geliehenen 30.000 Euro müssen Sie aber trotzdem zurückzahlen.

Das ist die Hebelfunktion: Sie vervielfacht nicht nur die Gewinne, sondern auch die Verluste. Und genau das kann Anleger teuer zu stehen kommen.
Die Spirale der Margin Calls
Nach heftigen Kursverlusten meldeten sich die Banken zu Wort, bei denen sich Situational Awareness Geld geliehen hatte. Die Aktien waren spürbar weniger wert als zuvor. Deshalb verlangten die Banken zusätzliche Sicherheiten. Das nennt man Margin Call. Der Fonds hatte dieses zusätzliche Geld aber nicht ausreichend zur Verfügung. Also musste er Aktien verkaufen – nicht, weil das Fondsmanagement nicht mehr von diesen Unternehmen überzeugt war, sondern weil die Kreditgeber ihre Sicherheiten einforderten.
So entsteht eine gefährliche Spirale: Die Aktienkurse fallen. Die Bank verlangt mehr Sicherheiten. Der Fonds muss Aktien verkaufen. Dadurch kommen weitere Aktien auf den Markt. Wenn die Kurse weiter fallen, werden die Sicherheiten erneut knapp. Weitere Verkäufe werden notwendig.
Bei einem normalen, breit gestreuten Fonds kann man in einer schwachen Marktphase grundsätzlich sagen: Ich warte ab, bis sich die Märkte wieder erholen. Bei einem stark gehebelten Hedgefonds funktioniert das nicht. Er muss verkaufen, wenn die Bank es verlangt. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Hedgefonds eilt noch immer der Ruf einer „Wunderwaffe“ der Finanzmärkte voraus. Sie gelten als besonders flexibel und professionell. Tatsächlich gibt es immer wieder Fonds, die spektakuläre Gewinne erzielen. Und der Mythos lebt vor allem von diesen Gewinnergeschichten.
Über die vielen Hedgefonds, die wegen Erfolglosigkeit geschlossen werden, hört man deutlich weniger. Das können übrigens auch Hedgefonds sein, die weniger aggressiv investieren. Am Ende werden die meisten nicht zu Legenden. Sie verschwinden. Und mit ihnen kann im schlimmsten Fall das Vermögen der Anlegerinnen und Anleger verschwinden.
Hinzu kommen die oft exorbitant hohen Kosten. Selbst wenn ein Fonds eine gute Rendite erwirtschaftet, landet ein erheblicher Teil davon durch Managementgebühren, Erfolgsbeteiligungen und weitere Kosten bei der Fondsgesellschaft. Bei den Anlegern kommt dann häufig deutlich weniger an als erwartet.
Was gilt für Privatanleger?
Nun mag der eine oder andere einwenden: Grundsätzlich dürfen in Deutschland Privatanleger ohnehin schon seit mehr als 10 Jahren keine klassischen Hedgefonds (sog. Single-Hedgefonds) mehr erwerben. Möglich sind aber beispielsweise Dach-Hedgefonds, sogenannte Funds of Funds, die von verschiedenen Finanzinstituten angeboten werden. Doch auch eine solche Dachkonstruktion macht ein kompliziertes, teures oder riskantes Produkt nicht zu einer guten Geldanlage. Im Gegenteil, speziell die Kosten gehen hier oft noch mehr durch die Decke.
Deshalb lautet mein dringender Rat: Lassen Sie diese Produkte unbedingt weg! Lassen Sie sich nichts aufschwatzen. Schauen Sie genau hin. Fragen Sie nach, wenn Ihnen etwas verkauft wird.
Denn in dieselbe Kategorie wie Hedgefonds gehören aus meiner Sicht auch andere Produkte, die Anlegerinnen und Anlegern keinen Mehrwert bringen, zum Beispiel aktiv gemanagte Fonds, Zertifikate, Kapitallebens- und Rentenversicherungen, Private-Equity-Beteiligungen und geschlossene Fonds. Und natürlich auch die Berater, die Ihnen all das verkaufen wollen. Das ist nicht grundsätzlich gegen Beratung gerichtet. Aber eine gute Beratung bedeutet eben nicht, möglichst viele Produkte zu verkaufen, sondern dem Kunden auch zu sagen: „Das brauchen Sie nicht.“ Und das wiederum können im ehrlichen Kundeninteresse nur von Provisionen unabhängige Berater und Beraterinnen leisten.








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