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Gold & Bitcoin: weder krisenresistent noch verlässliche Renditelieferanten

Prof. Dr. Stefan May
,
Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung
6
Minuten

Gold gilt gemeinhin als sicherer (Anlage-)Hafen, der Bitcoin (gern auch als „digitales Gold“ bezeichnet) als Zahlungsmittel der Zukunft, das mit der Unabhängigkeit von klassischen Finanzsystemen lockt. In der jüngeren Vergangenheit erfreuten sich beide extremer Beliebtheit – neue Allzeithochs inklusive. Der Goldpreis startete seine Rallye Anfang 2024, der Bitcoin bereits ein Jahr früher. Doch die anschließenden kräftigen Korrekturen verdeutlichen: Wenn sich das Marktumfeld verändert, kann es schnell mit dem Hype vorbei sein. Zeit für eine kleine Bestandsaufnahme.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gold als sicherer (Anlage-)Hafen – zuletzt konnte das Edelmetall dieser Rolle nicht mehr gerecht werden.
  • Steigende Zinsen setzen Gold und Bitcoin zu – Letzterer kämpft mit weiteren Herausforderungen.
  • Die Kurse beider Anlageformen werden oftmals durch Stimmungen und weniger durch Fundamentaldaten bestimmt.
  • Es stellt sich die Frage, ob Investments in Gold und/oder Bitcoin unter rationalen Gesichtspunkten sinnvoll sind.

Wenn Krieg herrscht, Krisen die Welt erschüttern und die Börsen heftig schwanken, suchen Anlegerinnen und Anleger Schutz im sicheren Hafen Gold … so die verbreitete Vorstellung. Doch zuletzt funktionierte diese alte Regel nur kurzzeitig. Konnte sich der Goldpreis mit Ausbruch des Iran-Krieges Anfang März noch temporär auf einem hohen Niveau halten, ging es ab Mitte März – trotz andauernder Kriegshandlungen – deutlich abwärts. Seit dem im Tagesverlauf erreichten Rekordhoch von knapp 5.600 US-Dollar (je Unze) Ende Januar 2026 ist der Goldpreis um gut 20 % eingebrochen (zwischenzeitlich sogar um fast 30 %).

Ein mutmaßlicher Grund für den Absturz: Der Goldpreis war zuvor schlichtweg heiß gelaufen. Der Rückschlag war insofern auch – aber nicht ausschließlich – eine Korrektur der vorherigen Übertreibung. Doch aus unserer Sicht gibt es einen weiteren gewichtigen Grund, der dem gelben Metall zuletzt zu schaffen machte: Steigende Anleiherenditen belasten den Goldpreis, denn das Edelmetall wirft keine Zinsen (und keine Dividenden) ab.

Und wenn – wie aktuell – als sicher geltende Anlagen, wie beispielsweise deutsche oder amerikanische Staatsanleihen, wieder spürbar höhere Zinsen als in der Vergangenheit abwerfen, ist Gold weniger attraktiv.

Als stützender Faktor für den Goldpreis erweisen sich hingegen weiterhin die Notenbanken, auch wenn das Kaufinteresse seit Ende 2024 etwas nachgelassen hat. Immerhin haben die Zentralbanken weltweit ihre Goldkäufe, nach einem zurückhaltenden Jahresauftakt 2026, im zweiten Quartal wieder deutlich ausgeweitet.

Gold-Image als sicherer Hafen angekratzt

Entscheidend für die weiteren Perspektiven am Goldmarkt dürfte insbesondere die weitere Entwicklung im Iran-Krieg sein, denn davon hängen zentral der Ölpreis und damit die Inflationsrisiken und die weitere Zinsentwicklung ab. Denn die Notenbanken stehen parat, um den steigenden Inflationsrisiken mit höheren Leitzinsen zu begegnen.

Wer Gold in erster Linie als Absicherung gegen mögliche Kursturbulenzen an den Aktienmärkten, unvorhersehbare Krisen oder generell als Inflationsschutz hält, könnte am Ende enttäuscht werden. Denn Gold wurde seinem Ruf als sicherer Hafen zuletzt längst nicht immer gerecht.

Und auch der Bitcoin hat zu kämpfen er lässt sogar schon etwas länger Federn als ein Goldinvestment.

Ist der Bitcoin entzaubert?

Vom zwischenzeitlichen Hype rund um den Bitcoin ist mittlerweile nur noch wenig zu spüren. Vom Allzeithoch ist annähernd nur noch die Hälfte übriggeblieben – nach einem zugegebenermaßen atemberaubenden Aufschwung in den letzten Jahren.

Was sind die Gründe für den kräftigen Einbruch bzw. das schwindende Interesse? Zum einen dürfte auch hier – wie in so vielen anderen Bereichen auch – der Krieg zwischen Iran und den USA negative Auswirkungen haben. Die Sperrung der wichtigen Seestraße von Hormus und die schleppenden Verhandlungen über die Wiederöffnung treiben die Inflation und ersticken die noch zu Jahresbeginn bestehende Hoffnung auf Zinssenkungen. Momentan rechnet man im Gegenteil eher mit Leitzinserhöhungen. Niedrigere Zinsen sind aber – ähnlich wie beim Gold – tendenziell positiv für Krypto-Währungen, weil in einem Niedrigzinsumfeld risikoreichere Vermögenswerte generell gefragter sind.

Zudem konnte man zuletzt beobachten, dass (vermutlich enttäuschte) Investoren verstärkt Kapital aus Kryptowerten zugunsten von Tech- bzw. KI-Unternehmen umschichten. Die KI-Revolution macht somit auch vor dem Bitcoin nicht halt … und das auch auf andere Art und Weise: Kryptowährungen werden durch komplexe sogenannte „Blockchains“ geschützt (vereinfacht gesagt: digitale, gemeinsam geführte „Kassenbücher“). Doch was – so die Sorge –, wenn KI (oder Quantencomputer) zukünftig in der Lage sein werden, die Verschlüsselung zu knacken?

Ein weiterer Aspekt sorgt ebenfalls für Ernüchterung: Die propagierte These vom zukünftigen weltweiten Zahlungsinstrument hat sich bis heute noch nicht mal ansatzweise bewahrheitet. Erst sorgte 2021 die Entscheidung El Salvadors für großes Aufsehen, den Bitcoin als offizielles heimisches Zahlungsmittel einzuführen – als erstes Land weltweit. 2025 machte der südamerikanische Staat das Ganze dann – eher still und leise – wieder rückgängig. Auch weitere Versprechungen, etwa dass Bitcoins als Sicherheit im Portfolio dienen könnten oder Kryptowährungen im Allgemeinen als strategische Anlage für Staatsreserven relevant würden, sind bisher nicht eingetroffen. Betrugsrisiken rund um die Kryptobörsen sowie regulatorische Unwägbarkeiten vervollständigen das Negativbild.

Kursbildung spekulativ getrieben

Eine ganze Reihe aktueller Untersuchungen1, die sich den Preisbildungsfaktoren am Kryptomarkt gewidmet haben, kommt zu dem Schluss, dass sich die Bitcoin-Kurse (und die von anderen Kryptowährungen) letztlich vor allem an Stimmungen und nicht an Fundamentaldaten (die obendrein kaum zu definieren sind) orientieren. Eine starke Orientierung an Stimmungen begünstigt zudem Herdenverhalten und kann spekulative Blasen zusätzlich befeuern.

All das unterstreicht den extrem hohen Spekulationsgrad von Kryptowährungen: hohe Kursschwankungen, abrupte Preissprünge und die starke Abhängigkeit von Gerüchten, Trends und öffentlicher Aufmerksamkeit. Diese Mischung ist geradezu „explosiv“ und mit einer Dynamik versehen, die in beide Richtungen für extreme, unberechenbare Ausschläge sorgen kann. Bitcoin im Speziellen und Kryptos im Allgemeinen sind daher ausschließlich für Anlegerinnen und Anleger mit starken Nerven geeignet, die größere finanzielle Einbußen (auch mental) verkraften können.

Bestimmte Aspekte, die die Preisbildung für Kryptowährungen bestimmen, lassen sich im Übrigen auch auf den Goldmarkt übertragen: Marktstimmungen, Herdenverhalten, öffentliche Aufmerksamkeit.

Was Gold und Bitcoin gemeinsam haben – und was das für Ihr Portfolio bedeutet

Gold und Bitcoin verbindet mehr, als man vielleicht auf Anhieb vermuten würde: Beide liefern nämlich – im Gegensatz zu Aktien – keine wissenschaftlich nachgewiesene, systematische „Prämie“ für das eingegangene Risiko. Anders ausgedrückt: Es gibt (bislang) keinen ökonomischen Grund, warum reine Gold- oder Bitcoin-Investments systematisch eine positive Rendite erzielen sollten. Bei einer global gestreuten Aktienanlage ist der Sachverhalt völlig anders gelagert. Hier „arbeitet“ das investierte Geld buchstäblich in den Unternehmen und partizipiert am weltwirtschaftlichen Aufschwung, der die Unternehmensgewinne langfristig sprudeln lässt. Deswegen ist eine breit diversifizierte langfristige Aktienanlage eben keine Spekulation. Die Preisentwicklungen von Gold und Bitcoin – die nicht selten erratisch ausfallen – sind dagegen völlig unkalkulierbar. Und der ihnen oftmals zugeschriebene Krisenschutz funktioniert auch nur sehr eingeschränkt.

Von daher sind beide Anlageformen in einer streng rationalen bzw. wissenschaftlich ausgerichteten Strategie im Grunde überflüssig. Wenn man allerdings besser schlafen kann, wenn ein überschaubarer Teil des angelegten Geldes speziell in Gold investiert ist, ist (aus psychologischer Sicht) nichts dagegen einzuwenden.

Fazit

  • Gold und Bitcoin haben ihren Nimbus als verlässliche Krisenabsicherung in der jüngeren Vergangenheit eingebüßt – beide korrigierten empfindlich, als sich das Marktumfeld änderte.
  • Die zuletzt spürbar gestiegenen Anleihezinsen und drohende Leitzinserhöhungen sind Gift für Gold und Bitcoin.
  • Die Kursentwicklung bei beiden ist stark von Stimmungen, Herdenverhalten und medialer Aufmerksamkeit getrieben und weniger von Fundamentaldaten (die eh schwer zu greifen sind).
  • Im Unterschied zu einer global breit gestreuten Aktienanlage gibt es für Gold- und Bitcoin-Investments keinen ökonomischen Mechanismus, der systematisch positive Renditen erwarten lässt.
  • Wer Gold dennoch als „Beruhigungspille“ in seinem Depot schätzt, kann (aus psychologischer Sicht) ein überschaubares Engagement eingehen – der Bitcoin hingegen sollte hartgesottenen Spekulanten vorbehalten bleiben.

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1 z. B. im „Journal of Behavioral and Experimental Finance“: „Investor sentiment and cross-section of cryptocurrency returns“ von Seung Oh Han (2025) https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2214635025000243

oder „Tuning into the news: Sentiment-driven high-frequency movements in cryptocurrency markets” von Nhan Huynh (2026). https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214635026000456

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Über den Autor
Prof. Dr. Stefan May

Prof. Dr. Stefan May ist als Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung seit 2014 bei der Quirin Privatbank tätig und hat jahrzehntelange Erfahrung in der Kapitalmarktpraxis. Er ist zudem seit rund 30 Jahren Professor für Finanzmarktanalyse und Portfoliomanagement an der Technischen Hochschule Ingolstadt (mittlerweile emeritiert). Prof. May hatte maßgeblichen Anteil an der Einführung unseres auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Kapitalmarktforschung basierenden Anlagekonzepts. Als Vorsitzender des Anlageausschusses der Bank ist er – gemeinsam mit dem Team der Vermögensverwaltung – nach wie vor für die fortlaufende Gestaltung und Optimierung der Anlagestrategien verantwortlich.

Hören Sie passend zum Thema unseren Podcast „klug anlegen“

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