Die immer gleiche Leier
Sie kennen die Empfehlungen vermutlich. Man solle Stop-Loss-Kurse setzen, damit „nichts passieren kann“, während man am Strand liegt. Man solle das Depot mit Short-ETFs oder Optionen absichern, die Aktienquote vorsorglich reduzieren oder sich zumindest Kursbenachrichtigungen fürs Handy einrichten, damit man im Ernstfall schnell reagieren könne.
Das klingt auf den ersten Blick nach Fürsorge und Kontrolle. Tatsächlich ist es aber nichts anderes als der Versuch, den Markt kurzfristig auszutricksen. Und wer sich die Empirie der vergangenen Jahrzehnte anschaut, der weiß: Das funktioniert nicht. Nicht im Sommer, nicht im Winter, nicht dazwischen.
Warum weniger tun mehr ist
Nehmen wir die beliebten Stop-Loss-Kurse. Man legt eine Schwelle fest, sagen wir zehn Prozent unter dem aktuellen Kurs, und wenn eine Position so weit fällt, wird automatisch verkauft. Das klingt nach Sicherheitsnetz. In der Praxis passiert aber regelmäßig Folgendes: Die Märkte korrigieren für einige Tage, Ihre Positionen werden ausgestoppt, und anschließend drehen die Kurse zügig wieder nach oben. Sie kommen aus dem Urlaub zurück, haben diverse Positionen verkauft, Transaktionskosten produziert, und Ihre ehemaligen Werte notieren wieder auf dem Niveau von vor Ihrer Abreise oder sogar darüber.
Und selbst im vermeintlichen „Erfolgsfall“, wenn die Kurse tatsächlich weiter gefallen wären, stellt sich sofort die nächste Frage: Wann steigen Sie wieder ein? Am Tief wird bekanntlich nicht geläutet. Denken Sie an das Frühjahr 2020 zurück. Nach dem Corona-Einbruch haben die Märkte fast auf dem Absatz kehrtgemacht. Viele Anleger haben dem fahrenden Zug erst einmal ungläubig hinterhergeschaut und sind dann – wenn überhaupt – deutlich zu spät wieder aufgesprungen. Das heißt: Selbst wenn der Ausstieg zufällig zum richtigen Zeitpunkt erfolgt, verschenken die allermeisten den anschließenden Aufschwung.
Wie teuer das werden kann, zeigt die folgende Grafik am Beispiel des MSCI World: Aus 100.000 Euro, die Ende 1995 investiert wurden, wären bei durchgehender Anlage bis Ende 2025 rund 1,37 Millionen Euro geworden. Wer allein die 15 besten Börsentage dieser 30 Jahre verpasste, landete bei nur noch rund 571.000 Euro – also bei deutlich weniger als der Hälfte. Und schon das Versäumen des einen, einzigen besten Tages kostete rund 115.000 Euro.

Und hier schließt sich der Kreis zum Stop-Loss: Die besten Börsentage fallen fast nie in ruhige Phasen, sondern ballen sich ausgerechnet unmittelbar nach den größten Kursstürzen – oft mitten im Bärenmarkt. So lagen im S&P 500 beispielsweise sechs der zehn besten Börsentage der vergangenen 20 Jahre innerhalb von zwei Wochen um die zehn schlechtesten.1 Genau in diesen Momenten ist ein ausgestopptes Depot aber längst verkauft und liegt in Cash. Der vermeintliche Schutz wird so zur Falle: Statt Verluste zu begrenzen, schreibt der Stop-Loss sie fest – weil man die Erholung verpasst. Ausgestoppt wird man also oft im denkbar schlechtesten Moment, kurz bevor die stärksten Tage kommen. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Corona-Crash im Frühjahr 2020: Wer damals mit einem Stopp ausgestoppt wurde, verkaufte in die Panik hinein und verpasste die kräftige Erholung, die nur wenige Tage später einsetzte.

Hinzu kommt ein grundsätzlicher Einwand: Ein Stop-Loss ist im Kern ein Werkzeug für einzelne Aktien – also für Wetten auf einzelne Unternehmen, von denen wir ohnehin abraten. Wirkliches Risikomanagement bedeutet nicht, für den Ernstfall eine Verkaufsschwelle zu ziehen, sondern das Risiko von vornherein so breit wie möglich zu streuen. Wer in über Hunderte oder Tausende Unternehmen weltweit investiert ist – idealerweise über kostengünstige ETFs –, braucht für einzelne Titel keinen Notausgang, weil kein einzelner Titel das gesamte Depot ins Wanken bringen kann.
Ähnlich verhält es sich mit den sogenannten Absicherungsstrategien über Derivate. Wer sein Depot mit Short-ETFs oder Optionen „schützt“, betreibt letztlich Market Timing mit teureren Instrumenten. Denn wann setzen Sie eine Absicherung ein? Genau dann, wenn Sie davon ausgehen, dass es demnächst nach unten geht. Und wann nehmen Sie sie wieder heraus? Wenn Sie glauben, das Schlimmste sei überstanden. Das ist keine Strategie, sondern eine Wette auf die eigene Prognosefähigkeit. Mit dem unangenehmen Nebeneffekt, dass Absicherungsinstrumente ausgerechnet dann besonders teuer werden, wenn die Nervosität an den Märkten ohnehin hoch ist.
Und dann sind da noch die Kursbenachrichtigungen. Stellen Sie sich vor, Sie liegen am Strand auf Kreta, lesen ein gutes Buch, und plötzlich vibriert das Handy: „Ihr Portfolio hat acht Prozent an Wert verloren.“ Was genau fangen Sie mit dieser Information an, wenn Sie gerade nicht mit Ihrer Beraterin oder Ihrem Berater sprechen können? Im besten Fall ärgern Sie sich und es verdirbt Ihnen den Tag. Im schlimmsten Fall bekommen Sie weiche Knie und verkaufen in Panik, tun also genau das Falsche zur falschen Zeit. Solche Benachrichtigungen verleiten zu vorschnellen Handlungen und sind damit der natürliche Feind der Anlagedisziplin.
Und wenn wir ehrlich sind: Wenn Sie bei einem Minus von acht Prozent in Panik geraten, dann ist nicht der eventuelle Kursalarm das Problem. Dann passt Ihre Depotstruktur nicht zu Ihrer Risikotragfähigkeit. Aber das ist eine grundsätzliche Frage, die man in Ruhe klären sollte, nicht fünf Minuten vor dem Boarding.
Die eigentlich wichtige Frage
Ich will nicht missverstanden werden. Natürlich ist es richtig, sich Gedanken über die eigene Geldanlage zu machen. Aber diese Gedanken sollten nicht davon abhängen, ob man gerade in den Urlaub fährt oder nicht. Die entscheidende Frage lautet nicht: „Was muss ich vor dem Urlaub noch schnell mit meinem Depot machen?“, sondern: „Ist mein Depot grundsätzlich so aufgestellt, dass ich es in Ruhe lassen kann, im Urlaub und auch sonst?“
Entspannt können Sie genau dann sein, wenn zwei Dinge stimmen. Erstens muss Ihr Portfolio so breit wie möglich diversifiziert sein, über verschiedenste Aktien- und Anleihesegmente sowie Länder und Branchen hinweg, ohne Klumpenrisiken und ohne Einzelwetten. Zweitens muss Ihre Aktienquote zu Ihrer persönlichen Risikotragfähigkeit passen, finanziell wie emotional. Wenn beides stimmt, dann verbleiben in Ihrem Depot genau diejenigen Risiken, die langfristig mit einer fairen Marktrendite belohnt werden. Dann können Sie auf der Alm wandern, am Meer lesen oder in der Hängematte liegen, ohne auch nur einen Gedanken an Stopp-Kurse zu verschwenden. Nicht trotz der Schwankungen, sondern weil Sie für genau diese Schwankungen langfristig entschädigt werden.
Mein Sommer-Rat
Ich schaue selbst nur sehr selten in mein Portfolio. Nicht aus Desinteresse, sondern weil es bei einem gut aufgestellten Depot schlicht keinen regelmäßigen Handlungsbedarf gibt. Die Zeiten, in denen mich Kursschwankungen nervös gemacht haben, liegen weit hinter mir. Und ich kann Ihnen versichern, dass es sich deutlich entspannter lebt, seit ich die Emotionen aus meiner Geldanlage heraushalte.
Mein Rat für diesen Sommer lautet daher: Lassen Sie Ihr Depot in Ruhe. Lesen Sie ein gutes Buch statt die Börsenkurse. Und wenn Ihnen jemand einen Artikel schickt mit dem Titel „Zehn Dinge, die Sie vor dem Urlaub mit Ihrem Depot tun sollten“, dann haken Sie alle zehn Punkte gedanklich mit „nicht nötig“ ab. Das Einzige, was Sie tatsächlich prüfen sollten, ist die grundsätzliche Frage: Passt mein Depot zu mir? Wenn ja, dann guten Flug, gute Fahrt und einen wunderbaren Sommer.







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