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Die Börse liest keine Zeitung

Prof. Dr. Stefan May
,
Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung
5
Minuten

Zur Halbzeit des Anlagejahres 2026 befinden sich zahlreiche relevante Aktienindizes weiterhin auf Rekordkurs. Eine Bilanz, die selbst langjährige Börsenprofis kaum auf dem Zettel gehabt haben dürften.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Trotz vieler Unkenrufe perlen bis dato sämtliche Krisen an den Aktienmärkten ab.
  • Einmal mehr hat sich Anlagedisziplin in den letzten Monaten gelohnt.
  • An Anlegerinnen und Anlegern sollten also die überwiegend schlechten Nachrichten abperlen.
  • Als Vorbereitung auf jederzeit mögliche Kursturbulenzen ist insbesondere die wohlüberlegte Festlegung der Anlageziele und die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Risikotragfähigkeit sinnvoll.

Lange Mängelliste

Die Liste der Belastungsfaktoren ist in den letzten Monaten nicht kürzer geworden:

  • anhaltender Krieg in der Ukraine
  • weiterhin gravierende Spannungen im Nahen Osten; das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran erscheint brüchig    
  • dementsprechend weiterhin fragile Lage in der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Rohstoffhandelspassagen    
  • immer noch von Zollhemmnissen geprägter Welthandel
  • nach wie vor Zweifel an der Tragfähigkeit des KI-Trends

Zuletzt traten noch verstärkte Sorgen wegen der Inflation hinzu. In der Euro-Zone belief sie sich im Mai bereits auf 3,2 % im Vergleich zum Vorjahresmonat (Deutschland 2,6 %), in den USA gar auf 4,2 %. Der Richtwert für Preisstabilität liegt in beiden Wirtschaftszonen bei 2 %. Deutlich stärkere Preissteigerungsraten – und im Schlepptau steigende Zinsen – dämpfen üblicherweise den privaten Konsum und die Investitionstätigkeit der Unternehmen.

Jüngst schürte zudem der Börsengang von SpaceX – der mit Abstand größte aller Zeiten – Sorgen über die Aufnahmefähigkeit des Aktienmarktes, zumal mit OpenAI und Anthropic zwei weitere hoch kapitalisierte Unternehmen in den Börsen-Startlöchern stehen – Stichwort: kursbelastendes Überangebot.

Reichlich Gründe also, die zum Ausstieg aus den Aktienmärkten animiert haben könnten (oder zum Aufschub einer an sich geplanten Investition), zumal es vermehrt Stimmen gibt, die einen Crash an die Wand malen. Klug war es indes, sich nicht vom allgemeinen Medienrummel rund um diese Themen nervös machen zu lassen, wie die nachfolgende Grafik belegt. Sie illustriert die zwar sehr schwankungsintensive, aber letztlich auch sehr robuste Wertentwicklung relevanter Aktienmärkte in der jüngeren Historie.

Selbstverständlich sind die genannten Belastungsfaktoren Gründe, sich Sorgen zu machen. Ein Anlass, eine aus gutem Grund gewählte Anlagestrategie über den Haufen zu werfen, sind sie aber nicht.

In den letzten Monaten konnte man ein altbekanntes Muster beobachten, das es vielen Anlegerinnen und Anlegern schwermacht, ihrer Anlagestrategie treu zu bleiben: Negative Schlagzeilen überlagerten durchaus auch vorhandene positive Aspekte, was ein relativ düsteres Stimmungsbild erzeugte. Angesichts der Weltlage wollen wir das den Medien gar nicht ankreiden. Mit Blick auf die Geldanlage hat das aber seine besonderen Tücken, denn überwiegend schlechte Nachrichten bedeuten keineswegs überwiegend schlechte Aktienkurse. Die jüngste Vergangenheit hat das eindrucksvoll gezeigt.
Es kommt oft anders, als man denkt …

Auch an einer anderen speziellen, aber vielfach thematisierten Stelle war es letztlich klug, nicht vorschnell zu handeln. Spätestens als Trump am sogenannten „Liberation Day“ die ultimative Zollkeule auspackte, hagelte es Empfehlungen, den US-Aktienanteil zugunsten anderer Aktienmärkte, insbesondere auch europäischer, zu reduzieren. Stand heute hätte sich diese Empfehlung nicht gelohnt, siehe nachfolgende Grafik.

Die andere Seite der Medaille

Auch im ersten Halbjahr 2026 hat letztlich der überwiegende Teil der Börsengemeinde die positiven Aspekte höher bewertet:

  • vielfach bessere Unternehmensbilanzen und -ausblicke als erwartet
  • sich abzeichnende weltwirtschaftliche Stabilisierung im nächsten Jahr
  • intakter Forschungs- und Innovationstrend, vor allem mit Blick auf KI
  • Notenbanken, die ihre Politik derzeit gut zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsbelangen austarieren
  • sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass weder die USA noch der Iran an einer dauerhaften Sperre der Meerenge von Hormus interessiert sein können  

Der sinnvollste Umgang mit Börsenschwankungen

Aber zurück zur nach wie vor oft herbeigerufenen Gefahr eines stärkeren Markteinbruchs. Die jahrzehntelange Börsenhistorie zeigt, dass eines sicher ist: Er wird kommen. Ob dies kurzfristig geschieht und vielleicht auch wieder einmal aus einem nicht vorhergesehenen Grund, sei dahingestellt.

Da es ohnehin keine Chance gibt, einen Einbruch einigermaßen zuverlässig vorherzusehen , ist die beste Vorbereitung auf die nächste Korrektur eine auf die individuellen Bedürfnisse abgestellten Aktienquote. Ist diese bestmöglich austariert, sprich im Einklang mit den persönlichen Anlagezielen und der Toleranz gegenüber zwischenzeitlichen Kursverlusten, dann können auch stärkere Abwärtsphasen verkraftet werden. Genau das ist der Schlüssel, um die langfristig attraktiven Aktienmarktrenditen am verlässlichsten zu ernten – und nicht die Spekulation darüber, wann und warum der nächste Crash kommt.

Dass es sich tatsächlich lohnt, auch starke Marktkorrekturen auszusitzen, verdeutlicht die nachfolgende Grafik.

Definiert man eine starke Abwärtsphase (Bärenmarkt) durch einen Verlust von 20 % gegenüber dem vorherigen Hoch, dann gab es seit 1970 zwar genauso viele Bären- wie Bullenmärkte. In Ausdauer und Stärke übertrumpften die Bullen die Bären aber markant, was zu einer positiven Langfristrendite von rund 8 % p. a. führte.

Fazit

  • Die globalen Aktienmärkte bestechen nach wie vor durch eine starke Krisenresilienz.
  • Dass überwiegend negative Schlagzeilen an den Börsen oft schnell abgeschüttelt werden, sollte man immer auf der Rechnung haben.
  • Aber auch stärkere Markteinbrüche gehören zur Normalität an den Börsen.
  • Da diese nicht vorhersehbar sind, wappnet man sich am besten mit einer individuell passenden Aktienquote, die es ermöglicht, auch schwache Börsenphasen durchzustehen.
  • Langfristig wird sich das auch lohnen, weil am Ende die Aufwärtstrends deutlich überwiegen.

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Über den Autor
Prof. Dr. Stefan May

Prof. Dr. Stefan May ist als Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung seit 2014 bei der Quirin Privatbank tätig und hat jahrzehntelange Erfahrung in der Kapitalmarktpraxis. Er ist zudem seit rund 30 Jahren Professor für Finanzmarktanalyse und Portfoliomanagement an der Technischen Hochschule Ingolstadt (mittlerweile emeritiert). Prof. May hatte maßgeblichen Anteil an der Einführung unseres auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Kapitalmarktforschung basierenden Anlagekonzepts. Als Vorsitzender des Anlageausschusses der Bank ist er – gemeinsam mit dem Team der Vermögensverwaltung – nach wie vor für die fortlaufende Gestaltung und Optimierung der Anlagestrategien verantwortlich.

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